Atkinson Traveller

…….geschafft.

Mit dem Atkinson auf dem Dach düsen wir zügig an Hamburg vorbei Richtung Osten. Unser Ziel: die Kanumühle in Wesenberg. Wir wollen die Herbstferien nutzen und eine Runde über die Havel, Templiner und Lychener Gewässer drehen, auf traditionelle Art, mit Tentipi, Dutch oven und mit Portage.

Bei Peggy ist Start- und Zielpunkt der Tour. Hier treffen wir am Nachmittag ein, das Tentipi aufgestellt, Feuer gemacht und dann den Lachs aufs Brett und an die Glut. Folienkartoffel und ein leckerer Dip dazu. Mit einer lustigen Feuerwehrgruppe teilten wir den Lagerfeuerplatz und sie spendierten uns einige Bierchen – rein präventiv, es würde heute Abend länger abgehen und lauter werden. Wir verziehen uns bei Zeiten ins Tentipi. Während der Nacht frischt es mächtig auf und der Sturm rüttelt an den großen Pappeln und dem Tentipi – gefühlte 7 – 8 beaufort.

Gegen 10.30 Uhr sind wir auf dem Wasser. Nach einigen hundert Metern die Wesenberger Schleuse mit ihrem grottenschweren Bootswagen. Doch Glück muss man haben: Ein Motorboot kommt angetuckert und wir werden mitgeschleust. Jetzt in der Nachsaison treffen wir die ganze Woche nur vereinzelte Motorboote und nur drei andere Paddler – herrlich. Unter der wohl am meisten fotografierten und einzigen Hausbrücke durch in den großen Priepertsee. Der Wind frischt höllisch auf, die Wellen bauen sich auf, mit kleinem Sahnehäubchen – schön anzusehen aber mies zu fahren.
An der Einfahrt bei Priepert in den Ellenbogensee kommt der Wind wie durch einen Windkanal gebündelt direkt von vorne, kappeliges Wasser. Wir sondieren die Lage und nach kurzer Beratung greifen wir es an. Enno als versierter und erfahrener Avant steuert den Atkinsondurch die Wellentäler und ich keule für den erforderlichen Vortrieb – nach 20 Minuten sind wir im Windschatten des gegenüberliegenden Ufers. Mann oh Mann – die nächste Bucht ist unsere, einen Kaffee haben wir verdient.
Enno zieht zur Überraschung noch ein Fläschchen Aufgesetzten seiner Eigenproduktion aus dem Kitchenpack, wir lieben halt des Traditionelle ☺. Kaum sind wir auf dem Wasser und um die nächste Landzunge herum ruft eine Stimme: „Wollt Ihr Linsensuppe?“ Drei Mann auf einem TomSawyer Leihfloß winken uns heran. Wir genießen die Stärkung, bekommen noch ein Paket Apfelkuchen geschenkt und weiter geht es. Ziernsee, Menowsee, wir wollen noch unbedingt die Schleuse in Steinförde schaffen.
Um 16.00 Uhr soll die letzte Schleusung laufen – was sich aber im Nach herein als Fehlinfo herausstellte, auch in der Nachsaison wird bis 18.00 Uhr geschleust (2009).

Atkinson

Einfahrt in den Röblinsee, wir haben unseren Rhythmus gefunden – im Schnitt sind es 40 Schläge die Minute – der Wind hat sich gelegt. Vor uns zieht ein Fischotter seine Bahn, vollkommen entspannt doch als er uns bemerkt taucht er ab und davon. Mein erster Fischotter in diesem Jahr auf dem Wasser, sonst habe ich sie nur in der Dämmerung über die Straße huschen sehen oder an der Örtze gefährtet. Unsere eingespielte Arbeitsteilung klappte nun schon am zweiten Tag wieder wie am Schnürchen: Enno meldet uns bei Platzwart an (Kanucamp am Röblinsee) und holt Wasser. Währenddessen stelle ich das Tentipi auf, bringe Holzkohle für den Dutch oven in Gang. Enno bereitet das Essen vor: m`sick-quotash (algonquin) – in seiner Urform als Erntedankmahlzeit, was die hungrigen Pilgerväter noch zu Anfang mit den Indianern teilten – soll so um 1620 gewesen sein. Da gehörten in Bärenfett gebratenen dicke Eichhörnchen rein, nun nennt man es Succotash und wir nehmen in Ermangelung dicker Eichhörnchen Kaninchenbraten.
Über Nacht hatte es aufgeklart, der Vollmond beleuchtet den Röblinsee, kaum Fremdlicht, ein fantastischer Sternenhimmel doch der Wind dreht, mächtig auf. An der Schleuse in Fürstenberg wird noch gebaut, wir nehmen den neuen vorzüglichen „Borstenkanufischpass“ und halten kurz am neuen Rastplatz mitten in Fürstenberg, um unsere Vorräte zu vervollständigen. Weiter geht es an der Gedenkstätte Ravensbrück vorbei in die Havel und in den Stolpsee. Auf der Jübermann Karte steht: „Vorsicht bei stärkerem Wind!!“ Und den haben wir. Luvseitig tasten wir uns nahe am Ufer entlang, fahren erst an der Ausfahrt zur Havel vorbei, weil wir nicht vermutet haben, dass es so dicht an den Stellnetzen entlanggeht. Vor uns eine längere Etappe auf der leicht mäandernden Havel, kaum Motorboote, den ganzen Tag haben wir nur drei Begegnungen und auch der Wind hat sich gelegt. Das die Havel im Grunde genommen kanalisiert ist, nimmt man kaum war. Die Vegetation reicht zum Teil bis in den Fluss hinein, über die Packlagen hinweg. Auch an der Schleuse Bredereiche ist der Schleusenwärter ganz entspannt, nimmt sich Zeit für ein Schwätzchen, die Vorteile des Reisens in der Nachsaison. Wir ziehen gemächlich unserem Ziel am Ziegenhof Regow entgegen. Easy ist die Bedienung der SB Schleuse Regow, auf der Baustelle ist schon Feierabend, so dass wir von der Ramme, die Spundpfähle in die Böschung rammt nichts mitbekommen.

Heute wird ein Mulligatawny in den Dutch oven gezaubert – Enno ist in seinem Element und ich werde trotz einer Woche Paddelns bestimmt wieder zwei Kilo mehr auf der Waage haben ☺ Einige Schoppen Roten dazu – im Wald rief ein Käuzchen ,die letzten Hirsche röhrten und ein Keil Kraniche zog über den Abendhimmel – Herz was willst Du mehr???
Nach so einem anstrengenden Abend braucht man ein ordentliches Frühstück – Sonnenschein, kein Regen, die Ramme ist noch nicht in Gang – Platsch, mit einem heftigen Schwanzschlag verabschiedet sich ein Biber, der wohl nicht damit gerechnet hat, dass zu dieser Jahreszeit unter dem Apfelbaum noch andere frühstücken. Wieder ein Vorteil der Nachsaison.
Zisch, takk, zisch takk, takk, die Ramme legt los, es ist mittlerweile neun Uhr, nichts wie weg hier. Am linken Flussufer weisen die Warnschilder auf den ehemaligen Schießplatz hin. Die SB- Schleuse Zaaren, dann die SB-Schleuse Schorfheide., gleich dahinter der Abzweig in die Templiner Gewässer.
Vor dem Großen Kuhwallsee entdecken wir dicht am Fluss eine Biberburg und sehen reichlich Nagespuren. Zwischen dem Großen Kuhwallsee und dem Lankensee liegt die alte Schleuse Kannenburg. Mit ihren schrägen Seitenwänden und den alten handbetriebenen Holzschotten recht altertümlich anzusehen.
Kein Mensch da, Enno sucht den Schleusenwärter und findet ihn im nahegelegenen Wirtshaus beim Mittagessen. „Nur die Ruhe , „ meint er, „wir warten noch auf ein Motorboot und ich esse erst mal fertig.“ Dann zeigt sich die andere Variante der SB-Schleuse, hier heißt es mit „Selbst- Beteiligung“ Enno kurbelt fleißig mit. Neun Kilometer noch bis zur neuen Schleuse in Templin, wir können noch nicht abschätzen, wo wir biwakieren, die Uferbereiche stark verschilft, kein fester Boden und im Stadtgebiet ist das Ufer von Anglern gesäumt.

Vor uns dann die gigantische neue Schleuse, wir haben Glück, die Schleusenkammer war unten, mit Turbogeschwindigkeit ging es die wohl 6 – 7 Meter rauf. Alles vergittert, Videokameras. Wir geben der Schleuse den Namen „Guantanamo – Schleuse“. Der Hafenmeister vom Stadthafen kann uns außer einem kleinen Stellplatz auf einem Hotelhof keine Biwakmöglichkeit nennen. Die Fördergelder scheinen hier in den Ausbau von Yachthäfen geflossen zu sein – überall gelbe Welle an den Yachtanlegern. Wir entern den Strand vom städtischen Freibad, Saisonende, kein Mensch da, es fängt an zu nieseln. Rüber zum Kanuclub, abweisende Schilder mit Strafandrohung, also was nu?
In der Dämmerung ziehen wir durch zum Gleuensee Campingplatz, es nieselt, es ist kalt, es wird dunkel, Hunger!!! Mit dem letzten Tageslicht erreichen wir den Platz. Das übliche Zeremoniell: Enno meldet uns an, holt Wasser, ich schlage das Tentipi auf, gleich direkt am Anlieger, bloß nicht noch lange rummachen. Heute ist Schmalhans Küchenmeister – um 20.00 Uhr gibt es Spiegeleier mit Speck aus der Muurikka. Der Campingplatzwärter kommt an und raunzt: „Sie stehen hier verkehrt!“ – wohlgemerkt wir sind die einzigen Gäste – „ hier ist der Badestrand, die Zeltwiese ist da…“ und er zeigt auf die gleiche Wiese nur 50 Meter weiter. Ich habe ihm vorgeschlagen das Tentipi als Rettungsstation zu deklarieren, dafür hat er dann gleich 16,00 Euro kassiert, ohne Rechnung in die Tasche.
Schauer, kräftige Windböen die ganze Nacht hindurch, das Tentipi mal wieder nass eingepackt, alles ist klamm. Heute Abend werden wir mal richtig einheizen, aber das ist noch lange hin. Die Vorteile der Nachsaison ☺ Durch den Regen hat der Netzowgraben genug Wasser, treideln ist nicht nötig, die Brückentrümmer liegen gut sichtbar, keine Kratzer im Canvas. Unser Zwischenziel, der Lindenhof, liegt ziemlich am Ende des Netzowsees. Der Netzowsee, Platkowsse und auch Zenssee haben absolut klares Wasser, wir können die Muscheln detailliert auf 4 Meter Tiefe sehen. Unsere Gelenke sind gerade so richtig geschmeidig, da sind wir auch schon an der Aus- stiegsstelle zur Portage. Es ist schwüle Gewitterluft. Kanuwagen ausgepackt, Atkinson drauf, Gepäck getrimmt und die steile Böschung hoch. Der einsame Arbeiter auf dem Lindenhof fällt beinahe vom Trecker, als er uns kommen sieht. „Wo wollt Ihr denn hin???“ – „Platkowsee! Und dann nach Lychen“ – „So? Ihr seid bekloppt….der Chef ist unterwegs, wenn er wiederkommt bringt er Euch mit dem Trailer rüber!“ – (Die leben im Sommer davon, kostet 35,00 Euro) – „Nee lass mal, wir schieben da rüber“ Da rüber sind 7,5 Kilometer, davon 2,5 Kilometer Landstraße immer gerade aus. Einige Autofahrer fanden das Boot mit den Rädern auf der Landstraße recht seltsam und verrenkten ihre Hälse. Mitten im Wald erwischt uns ein tierischer Regen, binnen kurzer Zeit steht 5 – 6 cm Wasser im Atkinson und uns läuft es durch den Kragen in die Schuhe. Ja, wenn schon nicht eine Handbreit Wasser unterm Kiel, dann wenigstens 3 Fingerbreit Wasser im Schiff.
Trotz der Nässe nehmen wir uns die Zeit die schöne Kirchen von Alt Plasten anzusehen. Wir haben nur eine vage Beschreibung aus dem Internet über die Einstiegsstelle am Platkowsee, sehr vage. Also ist Suche angesagt. Zu unserem Glück ist der Hauptweg durch die Forst asphaltiert und nach der dritten Abteilung sehen wir den beschriebenen Hochsitz. Der vollbeladene Atkinson schiebt uns mehr die Böschung runter als wir ihn dirigieren. Erst Mal Klamottenwechsel, Kaffee trinken und den letzten Aufgesetzten dazu, wohlverdient. Drei Stunden nach dem Ausstieg am Lindenhof setzen wir am Platkowsee ein.

Es ist als führen wir über eine Glasscheibe, so klar ist das Wasser. Für uns vollkommen ungewohnt, sind doch unsere Seen und Bäche meist durch die Feinteile vom Torf eingetrübt. Die Freude währt nicht lange, es fängt mal wieder an zu regnen, heftigst.
Die Mini Portage in Lychen ist schnell bewältigt, für die letzte Etappe noch Lebensmittel ergänzt, mit dem letzten Tageslicht schlagen wir das Tentipi am städtischen Freibad von Lychen auf und bald zieht der leckere Geruch von Paprikawurstauflauf durchs Zelt.
Morgens ist die Zeltwiese durchweicht wie ein Reisfeld. Der Percolator blubbert auf dem Künzi. Die städtische Putzkolonne macht die Freibadgebäude winterfest und öffnet für uns noch mal die Sanitäranlagen. Auf der Woblitz frische Biberspuren, aber Meister Bockert haben wir nicht gesehen. Nach der SB Schleuse Himmelport gleich rechts an der Betonung für die Wasser- skifahrer entlang geht es über den Stolpsee. Heute mal ohne kräftigen Wind. In Fürstenberg legen wir noch mal eine Pause auf dem neuen Biwakplatz mitten in der Stadt ein und dann die Fischkanuborstentreppe hochgetreidelt unter Blitzlichtgewitter der staunenden Touris. Sehen wir auf dem Röblinsee wohl wieder den Fischotter?? Kaum gedacht, schwimmt er keine zwanzig Meter rücklings quer vor uns her. Das soll natürlich aufs Bild, doch beim Öffnen der Tonne kracht der Deckel dröhnend ins Boot und weg ist der Fischotter.
Der Schleusenwärter legt kurz vor Feierabend in der Schleuse Steinhavel eine „Expresschleusung“ hin und nach einem Kilometer erreichen wir den Biwakplatz Steinförde. Mal kein Regen zum Abend und so trocknen wir die Ausrüstung so gut es geht. Enno zaubert den Klassiker Kassler – Brokkoliauflauf mit Röstis aus dem Dutch oven, wir gönnen uns den restlichen Weinbrand. Es ist unser letzter Abend auf dieser Tour.
In der Durchfahrt zum vom Großen Priepertsee zum Wangnitzsee liegt ein Havarist mit Motorschaden, wir verbringen ihn mittels Tau ans andere Ufer, wo der herbeigerufene Monteur ihn erreichen kann. Für Enno, vertraut mit Motorbooten, eine leichte Übung und der Bootseigner staunte nicht schlecht. Die 10,00 Euro Bergungsprämie haben wir dann bei Peggy in Kaffee und Kuchen investiert.

In 7 Tagen eine Gesamtstrecke von 120 Kilometern, dazu 7,5 Kilometer Portage in drei Stunden, 10 Schleusungen, 40,00 Euro pro Mann für Verpflegung und Getränke zuzüglich eine Einnahme von 10,00 Euro Bergungsprämie.

Albert Dörp