Donaufahrt 1989

Motiviert durch den Bericht von Christoph, der in diesem Jahr die gesamte Strecke der TID gepaddelt ist und ein paar aktuellen, eigenen Befahrungen der Donau, habe ich mir meinen Bericht von 1989 noch ein mal vorgenommen.
Ich habe die ein oder andere Ergänzung gemacht, ohne den ursprünglichen Text stark zu verändern.

Entstanden war die Idee mit der Donaubefahrung während einer Paddeltour auf dem Rhein, von Konstanz nach Schaffhausen, im Sommer 1988. Helmut Mende ein konstanzer Kanu-Club-Urgestein erzählte mir von der TID. Der Tour International Danubien. Damals gab es ja noch kein Internet und deshalb besorgte ich mir die Unterlagen per Post, las im Kanu-Sport und unterhielt mich mit anderen Paddlern, die die Fahrt schon mitgemacht hatten. Es galt diverse Visa zu beantragen und ich beschäftigte mich schon geraume Zeit vor Beginn der Reise mit „Probepacken“. Da ich in diesem Jahr meinen Zivildienst beendet hatte, hatte ich Zeit und daher beschlossen die Fahrt nicht am offiziellen Startort Ingolstadt zu beginnen, sondern schon ein paar Tage früher und alleine aufzubrechen.

Dieser Reisebericht entstand in den Monaten nach der Fahrt, also vor 25 Jahren. Er wurde von mir im Eigenverlag als kleines Büchlein veröffentlicht.  Das Büchlein ist schon seit langem vergriffen.
Es kommen darin einige Staaten und Währungen vor, die es nicht mehr gibt. Auch einige Personen die erwähnt werden leben nicht mehr.

9. Juni 1989, Laiz, Binzwangen

Vor der Abfahrt in Laiz

Endlich war es soweit. Morgens um 9 Uhr holte mich Heinz ab. Er hatte sich bereit erklärt, mich zum Start meiner Donaufahrt zu bringen. Mein gesamtes Gepäck hatte im Kofferraum seines Autos Platz gefunden. Das Faltboot wurde aufs Dach geladen und ab ging die Post. Zuerst fuhren wir nach Beuron, denn ich wollte versuchen so nah wie möglich dem Ursprung der Donau zu starten. Etwa einen Monat zuvor hatten wir eine Vereinsausfahrt von Beuron bis Laiz gemacht. Doch der Wasserstand machte das Einsetzen dort unmöglich. Also fand mein Start, wie ursprünglich vorgesehen, in Laiz oberhalb von Sigmaringen statt. Um zwölf Uhr mittags hatte ich es dann geschafft. Das ganze Gepäck war in meinem Faltboot verschwunden. Nachdem ich mich von Heinz verabschiedet hatte, rutschte ich die Bootsgasse des Wehres hinunter und machte mich auf den Weg. Zwölf Wochen lagen vor mir. Die Fahrt sollte über Ulm, Ingolstadt, Passau, Wien, Budapest, Belgrad nach Silistra an der bulgarisch-rumänischen Grenze gehen. Aber es lagen viele Hindernisse vor mir. Das Erste ließ nicht lange auf sich warten, kaum einen Kilometer nach meinem Start hatte ich schon das erste Wehr zu umtragen. An diese Tätigkeit gewöhnte ich mich rasch, sollten doch an diesem Tag noch sechs weitere dazu kommen. Die Donau floss aber zwischen den Staustufen recht flott, was mich ein wenig überraschte, da sie ja immerhin schon über 100 Kilometer lang war. Immer wieder hatte ich kleine Schwälle, besser gesagt Schwällchen zu überwinden. Die meisten konnte ich trotz meines schwer beladenen Bootes gut fahren. Manchmal saß ich auf. Dann musste ich schnell aussteigen, um das Boot wieder flott zu kriegen. Dies bewerkstelligte ich so, dass ich meine Beine rechts und links aus dem Boot schwang und aufstand, das Boot ließ ich dann einfach zwischen meinen Beinen durchschwimmen. In meinem Flusswanderbuch stand bei manchen Wehren, je nach Wasserstand fahrbar. Das stellte sich jedoch als ziemlich schwierig heraus, denn es war so gut wie kein Wasser auf den Wehren. Ich hatte mehrmals kilometerweit zu karren, um die Durststrecke hinter den Stauanlagen zu überwinden. Das abgeleitete Wasser wurde oft lange in Kanälen neben dem alten Bachbett her geleitet, die man aber schlecht befahren konnte. Kurz vor Hundersingen kam ich an eine Felsbarre, die ich nach längerem Anschauen nicht fahren wollte. Beim Umtragen machte ich mir dafür den Achtersteven meines Faltbootes kaputt. Ich dachte mir aber: „Lieber so was, als hinter einem zerbrochenem Faltboot her schwimmen“. DOCU0031Erst spät, gegen 19 Uhr erreichte ich Binzwangen. Ich beschloss zu bleiben und erst am nächsten Morgen die Baustelle zu umtragen. Die alte Brücke über die Donau war gesprengt worden, wegen der Betonbrocken und der Bewehrungseisen im Wasser war die Durchfahrt gesperrt. Mein Zelt baute ich nahe der Donau auf einem Wiesengrundstück auf. Ein paar Jungen die sich in der Nähe der Baustelle herum trieben, sagten mir, es hätte bestimmt niemand etwas dagegen wenn ich dort kampieren würde. Ich vergewisserte mich noch in der Dorfschenke und auch hier sagten mir die freundlichen Leute nichts Gegenteiliges.

10. Juni 1989, Munderkingen

Am nächsten Morgen, nach dem Einkaufen setzte ich meine Fahrt fort. Das erste Problem war, wie ich hinter der Baustelle zu Wasser kam. Über eine lange, steile Treppe erreichte ich mit einiger Mühe, meinen für diesen Tag einzigen Wegbegleiter, die Donau. Der Fluss führte wie schon am Vortag sehr wenig Wasser, was das Umtragen wieder sehr mühsam machte. Ich arbeitete mit allen Tricks, mir diese lästige Tätigkeit zu erleichtern. Einmal zum Beispiel läutete ich eine Frau heraus, um mir den Schlüssel zu ihrem schmalen Hinterhof zu borgen, durch den ich mein Boot schleppen wollte. DOCU0032Kurz vor Munderkingen legte ich mich dann noch mit einem recht aggressiven Schwan an, der mich hartnäckig verfolgte. Beim Bootshaus des VFL Munderkingen in der Nähe eines Altersheimes suchte ich mir einen Platz für die Nacht. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte schlenderte ich durch das Städtchen. Ich war 1980 schon einmal hier gewesen, aber nicht mit dem Boot, sondern mit dem Fahrrad. Als ich gegen Abend vor meinem Zelt Spaghetti aß, kam der Wanderwart des VfL Munderkingen zum Bootshaus. Wir unterhielten uns eine Weile und er versprach mir am nächsten Morgen nach mir zu sehen.

11. Juni 1989, Ulm

Ich war gerade dabei mein Boot wieder zu beladen, als er wie angekündigt erschien. Ich frischte meine Wasservorräte auf, bedankte mich für die Übernachtungsmöglichkeit und machte mich auf die Socken. Die dritte Etappe begann aber nicht mit paddeln, sondern mit umtragen. Ich karrte durch die halbe Stadt, um nach dem unfahrbaren Wehr einzusetzen. Bis Ulm hatte ich dann noch drei weitere Umtragestellen. Manchmal hatte ich Glück und es waren ein paar Kinder in der Nähe die ich um Hilfe bitten konnte. Entweder ein freundlicher Angler, oder Schleusenwärter gingen mir zur Hand.

Irgendwann kam ich zu einer Eisenbahnbrücke. Schon im Kanuführer war beschrieben, dass die Durchfahrt unter Umständen schwierig sein könnte. Es wurde empfohlen besser zu umtragen. Über die Geleise? Mit dem schweren Boot? Nein Danke! Die Durchfahrtshöhe war so, dass das Boot problemlos durch passte. Ich nahm also Anlauf und rutsche im Boot soweit es ging nach vorne und legte mich hinein. So trieb ich unter der Brücke durch. Ich dachte die ganze Zeit: „Dass nur kein Zug kommt …“

Das Wetter war an diesem Tag nicht besonders schön und ab und zu erwischte mich ein Regenschauer. In Ulm angekommen hängte ich mich gleich ans Telefon um Rainer Brockmann Bescheid zu sagen, dass ich da war. Er kam natürlich sofort zum Bootshaus. Ich hatte ihm im letzten August erzählt, dass ich vor hatte die Donau zu paddeln und, da er in Ulm wohnt, meldete ich mich natürlich bei ihm. Während ich einen Bummel durch die Stadt machte reparierte er den drei Tage zuvor kaputtgegangenen Achtersteven. Da die ersten drei Tage durch die viele Schlepperei sehr anstrengend gewesen waren, beschloss ich hier in Ulm meinen ersten Ruhetag zu verbringen. Ich konnte mir das erlauben, denn mein Zeitplan war sehr großzügig bemessen.

12. Juni 1989, Ulm

Ich nutzte diesen ersten Ruhetag um Besorgungen zu machen. Als ich gegen Mittag zurück zum Bootshaus kam, fielen mir gleich die beiden Faltboote auf. Ich hatte Kameraden bekommen. Rosemarie und Werner, ein älteres Ehepaar aus Höfen an der Enz. Sie wollten auch die Donau hinunter, bis Wien. Aber nicht wie ich, ab Ingolstadt im Rahmen der TID, sondern allein. TID, das heißt Tour International Danubien und ist der längste Kanumarathon der Welt. Diese Fahrt beginnt in Ingolstadt und endet in Silistra.

Seit etlichen Jahren endet die Tour nicht mehr in Silistra, sondern sie führt bis zum Schwarzen Meer. 1989 war dies offiziell nicht möglich, da Rumänien der TID die Einreise verweigerte. Private Anschlussfahrten bis zum schwarzen Meer hat es aber trotzdem gegeben.

Werner und Rosemarie hatten vor ein paar Jahren auch schon an der TID teilgenommen. Aber dieses Jahr wollten sie nicht. Das hinderte uns jedoch nicht daran das Stück bis Ingolstadt gemeinsam zurück zulegen. Bei kräftigem Gegenwind machten wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Günzburg.

13. Juni 1989, Günzburg

DOCU0034Da wir jetzt zu dritt waren und sich an den Wehren Schleusen befanden, hatten wir keinerlei Probleme die Staustufen zu überwinden. Meist fuhr ich ein Stück voraus und öffnete das Schleusentor, die beiden andren nahmen dann mein Boot während ich die Schleuse von oben bediente. Um halb fünf Uhr abends kamen wir auf dem herrlichen Zeltplatz in Günzburg an. Der Platz bestand im Wesentlichen aus einer saftig grünen Wiese, einem Bootshaus, einem Plumpsklo und einer Wasserpumpe im Freien, als Waschgelegenheit. Diese Einfachheit bei gleichzeitiger Zweckmäßigkeit gefiel mir.

14. Juni 1989, Dillingen

Der folgende Tag brachte uns erneut Ostwind und kräftige Sonne. Wie am Tag zuvor hatten wir vier mal zu schleusen. Die Donau brachte uns bis Dillingen. Der Zeltplatz war überfüllt. Aber nicht wie man annehmen könnte von Kanuten, sondern von Landfahrern die sehr freundlich und interessiert waren. Der Pächter des Kanuclubzeltplatzes hatte sie aus Wut über die Kündigung seines Pachtvertrages auf das Gelände gelassen und die Mitglieder des Vereins waren nicht gerade erfreut über die Situation. Mir war die dortige Vereinspolitik egal und außerdem verstand ich mich gut mit dem fahrenden Volk.

15. Juni 1989, Donauwörth

Nach einer flotten Fahrt bei herrlichem Wetter erreichten wir das Gelände des Kanuclubs Donauwörth, das ein paar hundert Meter stromaufwärts der Wörnitz liegt. Hier verbrachte ich meinen zweiten Ruhetag.

16. Juni 1989, Donauwörth

DOCU0035Werner und Rosemarie waren nach Dinkelsbühl gefahren, um die historische Altstadt zu besuchen. Ich nahm ein paar kleinere Reparaturen am Faltboot vor und vertrieb mir die Zeit mit Faulenzen. Ich saß den ganzen Nachmittag zusammen mit dem Bootshauswart des Kanuclubs auf dem Balkon und genoss den Tag. Dieser Kanuclub hatte eine ganz besondere Abteilung. Es hatten sich ein paar Leute zusammen gefunden die den Sport des Fischerstechens betrieben. In zwei Wochen sollte eine Meisterschaft stattfinden, aber ich musste ja weiter.

17. Juni 1989, Neuburg

Der folgende Samstag brachte uns nach Neuburg. Auch hier war ich vor neun Jahren schon mit dem Fahrrad gewesen, als ich mit meinem Vater unterwegs nach Regensburg war. Ich beobachtete am Abend zwei Kanuten bei einer mir total neuen Art von Wildwasserfahren, dem Squirten. Mit Ihren kurzen, flachen einem Slalomboot nicht unähnlichen Booten, führten sie mir in einem Kehrwasser die tollsten Kunststücke vor. Trotzdem die Donau, von ein paar Strudeln abgesehen ruhig floss, wirbelten sie ihre Boote halb über Wasser, halb unter Wasser herum, dass ich ins Staunen kam.

18. Juni 1989, Ingolstadt

Die Etappe von Neuburg nach Ingolstadt war die letzte gemeinsame mit Werner und Rosemarie, denn mir blieben noch einige Tage bis zum Start der TID. Nachdem wir uns verabschiedet hatten setzten die zwei ihre Fahrt fort. Sie wollten an diesem Tag noch bis Vohburg weiter. Der Zeltplatz in Ingolstadt machte auf mich einen etwas trostlosen Eindruck, denn er war von meinem Zelt abgesehen ziemlich leer. Doch das sollte sich bald ändern.

19. bis 23. Juni 1989, Ingolstadt

Die nächsten sechs Tage verbrachte ich mit Besorgungen, Stadtbummel und Mithilfe bei Vorbereitungen für die TID. Am Mittwoch half ich die Boote der Ungarn bei der Bahn abzuholen und wurde dafür von Lothar mit nach München genommen. Abends war ich dann bei Ivan, Tomi, Christina und Christo, den ersten bulgarischen Teilnehmern die ich kennenlernte, zum Essen eingeladen. Von Tag zu Tag füllte sich der Zeltplatz mehr. Ich hatte auch Klaus wieder getroffen, den ich ein paar Wochen zuvor beim Kanuclub Lindau kennen gelernt hatte. Mit meinem Zeltnachbarn Walter verstand ich mich prächtig, er war schon seit Donnerstag da und wir hatten viel Zeit uns zu unterhalten. Wir saßen den ganzen Freitagmorgen zusammen mit dem Admirale im Vereinsheim und lachten über dessen Sprüche und seine Lieder. Er kam aus Jugoslawien, behauptete 79 Jahre alt zu sein und zum 34. mal an der TID teil zu nehmen.

Der Admirale war in einem alten Holzcanadier unterwegs, der unheimlich schwer war. Das lag nicht nur am Eigengewicht und an seiner Ausrüstung, sondern auch daran, dass er voll war mit Werkzeug und material aus dem Baumarkt. Das wollte der Admirale auf dem Wasserweg nach Belgrad transportieren und dort zu Geld machen.

24. Juni 1989, Ingolstadt

Fast alle Teilnehmer waren eingetroffen. Auch meine Eltern und Helmut waren gekommen. Mein Vater war mit dem Fahrrad gekommen und Helmut hatte meine Mutter im dem Auto mit genommen. Helmut hatte schon 17 mal an der TID teilgenommen und auch dieses Jahr war er wieder einmal dabei. Er wollte aber erst in Budapest starten, da er im Juni Besuch zu seinem 73. Geburtstag erwartete. Aber nach Ingolstadt war er trotzdem gekommen um bei der Eröffnung der 34. Tour International Danubien, dabei zu sein. Der Zeltplatz hatte sich, seit ich angekommen war sehr verändert, er war jetzt voller Leben. Überall wurde gelacht, gefachsimpelt oder gesungen. Es war wirklich eine Tour International, denn nicht nur die Donauanliegerstaaten waren vertreten. Von überall waren sie gekommen, Polen, Australier, Briten und Canadier. Die Menschen aus der DDR durften zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Bundesrepublik starten und keiner der Anwesenden rechnete damals mit der Bewegung, die sich in den folgenden Monaten entwickelte. Das Wetter war seit Mitte der Woche schlechter geworden und es regnete den ganzen Tag. Am Abend lernte ich Anne kennen. Wir saßen uns im großen Festzelt gegenüber und ohne dass wir vorher ein Wort gewechselt hatten, fragte sie, ob ich Matthias wäre. Ich war über meinen Bekanntheitsgrad erstaunt aber es stellte sich heraus, dass sie meine Eintragungen im Gästebuch des VfL Günzburg gelesen hatte. Ich hatte mich dort bewundernd über die Wiese und die vielen Gänseblümchen geäussert. Anne kam aus Bremen und war von Ulm aus gestartet zusammen mit Peter aus Stade. Sie hatte eine Mitfahrgelegenheit nach Ingolstadt gesucht und Peter hatte sie mitgenommen. Die beiden wollten genau wie ich bis nach Silistra. Trotz des Festes ging ich an diesem Abend früh ins Bett.

25. Juni 1989, Stausacker

Am Sonntagmorgen war das Zeltlager in großer Aufregung. Überall wurden Boote gepackt und Zelte abgebaut. Ich hatte schon am Tag zuvor ziemlich alles eingepackt und war deshalb bald fertig. Meine Ausrüstung bestand im Großen und Ganzen aus Zelt, Schlafsack, Luftmatratze und Kochzeug. DOCU0045Weiter hatte ich einen kleinen Klapptisch von Jupp gekauft der genau zu dem Hocker passte den ich mit hatte. Ergänzt wurde mein Gepäck noch von Kleidung, Ersatzpaddel, Bootswagen und allerlei Kleinkram, den aufzuzählen hier zu weit führen würde. Der Start sollte eigentlich erst um elf Uhr sein, aber da ich mich von der allgemeinen Hektik anstecken ließ, war ich schon um halb zehn auf dem Wasser. Bald gesellte sich Anne zu mir und da das Wetter nicht zum Gammeln einlud, fuhren wir die Strecke bis Stausacker in einem Rutsch durch. Der Zeltplatz in Stausacker war groß. Nach unserer Ankunft begab ich mich in die Gartenwirtschaft und saß dort mit meiner Mutter und Helmut und einem ganzen Haufen TID’lern, die ich alle noch kennen lernen sollte. Helmut und meine Mutter waren die Etappe, mit einem Auto von Helmuts Bekannten, mit gefahren, die nur den ersten Tag auf der TID dabei sein konnte. Sie fuhren dann später gemeinsam zurück nach Ingolstadt, wo Helmuts Auto stand. Abends gab es Verpflegung für alle. Das sollte auf der ganzen deutschen Trasse so bleiben. Und auch auf den übrigen Teilstrecken wurden wir oft mit Essen versorgt. Unser Fahrtenleiter von Ingolstadt bis Erlau war Jupp Harrings und Rolf Kunze, der TID Reverent des DKV, genannt Rolli, begleitete uns auf dem Landweg. Die beiden mussten von Erlau aus noch einmal nach Hause und wollten dann in Wien wieder zu uns stoßen.

26. Juni 1989, Regensburg

Am nächsten Morgen ging es erst einmal hinüber zum Kloster Weltenburg. Eine stattliche Anzahl von Booten waren schon auf den vorgelagerten Kiesstrand gezogen worden. Manche Paddler gingen zur Besichtigung, darunter auch ich, andere gingen in den Biergarten. Etwa eine Stunde später trieben wir zwischen den Felsen des Donaudurchbruches. Gegen elf Uhr erreichten wir die Staustufe Bad Abbach und benutzten die Bootsgasse. Unterwegs nach Regensburg machten wir an einem kleinen Sandstrand Pause. Es war ein sehr heißer Tag und nach der Ankunft in Regensburg sprang ich erstmal in den Bach. Der Zeltplatz in Regensburg war das krasse Gegenteil von dem in Stausacker, überall stolperte man über Zeltschnüre, Boote oder Paddler. Es war eng und wir waren viel zu viele Menschen. Das sind nun einmal die Nachteile so einer Großveranstaltung. Da wir das Gedränge bald satt hatten, und es noch eine Weile dauerte bis es Essen gab, machten Anne und ich einen Spaziergang hinein nach Regensburg. Aber an jeder Ecke trafen wir jemand von der TID. Es schien so, als ob der ganze Zeltplatz unterwegs wäre. Aber das war überall so. Kaum war die TID irgendwo angekommen, sah man nur noch Paddler. Uns fiel das im Moment noch auf, aber wir gewöhnten uns schnell daran. Nach dem Abendessen genossen wir die Ruhe zwischen den Zelten direkt bei der Musik.

27. Juni 1989, Straubing

Der heutige Tag sollte der längste der TID werden, hatte man uns am Vorabend gesagt. 61 km von Regensburg bis Straubing lagen vor uns. Das störte uns wenig. Nachdem wir die Bootsgasse der Staustufe Regensburg passiert und auch den Regensburger Strudel gut überstanden hatten, machten wir bei der Walhalla Rast. Der viertelstündige Aufstieg brachte erholsame Abwechslung und auch der Ausblick von dort oben war nicht zu verachten. Wir ließen uns nicht all zu lange aufhalten und setzten unsere Fahrt in Richtung Staustufe Geisling fort. Die Strecke bis zum Kraftwerk zog sich 30 km lang hin. Da es gegen Mittag sehr heiß wurde stiegen wir einfach mitten auf der Donau aus und schwammen neben den Booten her. Das ging eine ganze Weile gut und wir machten uns auch weiter keine Gedanken, bis uns ein Schleppkahn in die Quere kam. Das heißt, wir kamen ihm in die Quere. Wir mussten ganz schön schwimmen, um der, uns im Moment überhaupt nicht bewussten, Gefahr zu entkommen. In Straubing angekommen wurde uns gesagt wir sollen unsere vollen Boote über die Böschung zum Zeltplatz schleppen. Da wir das nicht einsahen, blieben wir kurzerhand außerhalb des Zeltplatzes dicht am Wasser und hatten dort einen wunderbaren Platz. Auch Peter gesellte sich zu uns und die Niederländerin Babsch, die es faustdick hinter den Ohren hatte, wie Anne immer sagte. Peter heißt eigentlich Erich, aber das wusste auf der TID natürlich keiner und so gab es immer wieder lustige Missverständnisse. Wenn ich zum Beispiel Essenmarken holte und die für Peter gleich auch mitnehmen wollte, sagte ich natürlich, ich wolle die Essenmarken für Peter Lange. Es gab aber in der Teilnehmerliste keinen Peter, sondern nur einen Erich Lange. Mit der Zeit gewöhnten sich aber Jupp und Rolli daran, dass Peter Erich war beziehungsweise umgekehrt. Am Abend langweilte uns der Straubinger Bürgermeister vor dem Essen mit einem Monolog, für den sich keiner zu interessieren schien. Dauernd wurde die Rede durch hungriges Klappern mit dem Geschirr unterbrochen.

Mittlerweile muss man auf der Strecke Regensburg – Straubing nicht zwei Wehre überwinden, sondern drei. Vor Straubing wurde die Donau ein weiteres mal gestaut. Es gibt allerdings eine sehr komfortable Bootsgasse, die aber nicht darüber hinweg hilft, dass die gesamte Strecke eigentlich ein großer Stausee ist. Allerdings ist die Strecke heute auch kürzer, als vor 25 Jahren. Durch das Abhängen einer Schleife im Zuge des Baus des Kraftwerks Straubing gingen 5 Donaukilometer verloren.

28. Juni 1989, Straubing

Der Ruhetag in Straubing begann mit Regen. Am Abend zuvor hatte man uns prophezeit, wir würden auf unserem exponierten Zeltplatz am Wasser nasse Füße bekommen, wenn der Wasserspiegel steigen würde. Dies trat nicht ein, aber der halbe Zeltplatz hinter dem Damm stand unter Wasser. Mittags lud Peter Anne und mich zum Konditor’n ein. Wir verbrachten den halben Nachmittag in dieser kleinen Konditorei. Ich schickte mein erstes Päckchen nach Hause, aber nicht irgendwelche Souvenirs, sondern meine Regenjacke, die ich los werden wollte. Sie nahm mir zu viel Platz weg und ich hatte ja schließlich noch die Paddeljacke.

29. Juni 1989, Mühlham

Der nächste Tag bescherte uns wieder besseres Wetter und wir ließen uns Zeit. Wegen der zweistündigen Mittagspause an einem herrlich ruhigen Strand kamen wir ziemlich als letzte in Mülham an. Wir fanden jedoch wie jedes mal einen angenehmen Zeltplatz.

30. Juni 1989, Erlau

Am folgenden Tag jedoch merkten wir, dass Österreich nicht mehr weit sein konnte, er begann nämlich mit Regen, der aber später nachließ. Der Schleusung im „Kachlet“ folgte eine schöne Fahrt durch Passau. Der Inn brachte mit seinem gelblichen Strom wesentlich mehr Wasser mit als die Donau. Es war aber auch kälter und wir verkniffen es uns die nächsten paar Tage in der Donau zu baden. Etwas außerhalb von Passau, in dem kleinen Ort Erlau, war unser Lager. Um uns die Besichtigung in Passau zu ermöglichen war auch hier wieder ein Ruhetag geplant.

Warum die Nähe zu Österreich mit dem einsetzenden Regen zusammen hängen soll, habe ich im Laufe der Jahre vergessen. Wahrscheinlich war das ein überliefertes Gesetz des TID-Adels (Kanuten die Jahr für Jahr dabei waren)

1. Juli 1989, Erlau

So fuhren wir also am Samstagmorgen mit zwei großen Reisebussen hinein nach Passau. Von hier aus schickte ich meine fast nagelneue wasserdichte Kamera nach Hause, sie hatte nämlich den Geist aufgegeben. Wir bummelten noch über den Flohmarkt und ich hätte bestimmt viel mitgenommen, wenn ich nur etwas mehr Platz in meinem Boot gehabt hätte. Abends wurde, als wir wieder in Erlau waren, ein großes Lagerfeuer entzündet, auf dem mein kleiner Holzklapphocker sein Ende fand. Er war nämlich Tags zuvor zusammen gebrochen. Ich hatte mir in Passau ein wie mir schien stabileres Modell gekauft. DOCU0050Hier muss nun Peters Hocker erwähnt werden. Er war eine einzigartige Konstruktion, kombiniert aus seinem selbst gebauten Bootswagen und dem Schalensitz aus seinem Boot. Dieser, wie ein kleiner Rollstuhl aussehende Sessel war an Bequemlichkeit und Stabilität unübertroffen. Hier in Erlau war das Ende der deutschen Strecke, morgen sollte es nach Österreich hineingehen und jede Nation gab etwas zum Besten, zu diesem Anlass. Auch der Bürgermeister von Erlau hatte dazu beigetragen, er hatte das Bier gestiftet und außerdem spielte er Gitarre und sang.

2. Juli 1989, Inzell

Am nächsten Morgen ging es also nach Österreich. Am Zollamt verabschiedeten sich Jupp und Rolli. Sie hatten ihre Fahrtenleitertätigkeit an Wolfgang Heilmann und Rolf Ruge abgegeben. Im allgemeinen Durcheinander bei der Schleuse Jochenstein verloren Anne und ich den Kontakt zu Peter. Als wir dann in Inzell ankamen war er nicht da, wir vermuteten ihn irgendwo überholt zu haben und machten uns weiter keine Gedanken, sondern wir begaben uns auf eine kleine Wanderung zur Schlögener Schlinge. Am Abend war Peter immer noch nicht eingetroffen. Es begann zu regnen und wir hockten unter einer Plane zwischen unseren Zelten und kochten Tortellini.

3. Juli 1989, Linz

Die Abfahrt am nächsten Morgen fand im Regen statt und auch die Schleusungen in Aschach und Ottensheim sowie die Ankunft. Kurz und gut es regnete den ganzen Tag. Doch pünktlich zum Aufbau der Zelte hörte es dann auf. Freudig begrüßten wir Peter der plötzlich wieder aufgetaucht war. Er war gestern vor uns in Inzell eingetroffen und dachte wir seien weitergefahren, darum setzte er seine Fahrt einfach fort. Das große Bootshaus des Kanuclubs Linz ließ uns auf einen reichen Verein schließen, das Essen das uns spendiert wurde nicht.

4. Juli 1989, Grein

Es regnete nicht. Dafür hatten wir kräftigen Gegenwind, was uns besonders viel Spaß brachte als wir auf den beiden Staustrecken durch die Wellen fuhren. Wir umtrugen beide Staustufen was sehr einfach war und trafen nach 54 km um 13 Uhr in Grein ein. Grein liegt schön eingebettet zwischen bewaldeten Höhenzügen am Fuße eines Schlossberges.
Auch hier war wieder ein Ruhetag.

5.Juli 1989, Grein

Wir besuchten das Schifffahrtsmuseum im Schloss und machten nachmittags eine Regenwanderung in die Stillensteinklamm. Als es nicht mehr regnete pausierten wir bei der Moststation von der aus man einen herrlichen Blick hatte. Abends saßen wir lange mit bulgarischen Freunden zusammen und lauschten sehr angetan dem Gitarrenspiel von Rossitza.

6. Juli 1989, Weißenburg

Recht früh am Morgen ging die Fahrt weiter. An der Schleuse von Ybbs Persenburg wurden wir von Blasmusik unterhalten. Die Wehranlagen bei Melk umtrugen wir. Anne wollte unbedingt das Kloster Melk besichtigen und so mussten Peter und ich notgedrungen – nein nicht mit, sondern in einer Gartenwirtschaft auf sie warten. Die Fahrt ging dann weiter durch die Wachau. Es war ein herrliches Stück Landschaft, wobei wir, die gute Strömung ausnutzend, unsere Kräfte schonten. Der Zeltplatz in Aggsbachmarkt gefiel uns hingegen überhaupt nicht und so ließen wir uns einfach vorbei treiben. An einer kleinen Bucht bei Weißenkirchen machten wir dann halt. Es waren schon einige andere da, denen es hier auch besser gefiel als auf dem offiziellen TIDplatz. Es war einer der schönsten Plätze der ganzen Fahrt und wir erinnerten uns noch oft an den schattenspendenden Nußbaum mit den weit herabhängenden Ästen. Ich hatte Anne dazu überredet die Kenterrolle zu lernen und das Kehrwasser in der kleinen Bucht bot sich gerade dazu an. Aber es wollte nicht so recht klappen – noch nicht. Da wir ja einen Vorsprung heraus gepaddelt hatten, konnten wir am nächsten Morgen mit ruhigem Gewissen ausschlafen.

7. Juli 1989, Krems

DOCU0060Die 13 km bis Krems traten wir erst gegen 12 Uhr an. Abends saßen Anne und ich in Krems auf dem Bahnhof und warteten auf Lars, der dann mit einer Stunde Verspätung eintraf. Er gab der österreichischen Eisenbahn die Schuld. Lars brachte mir die kleine Kamera meiner Mutter mit. Es wäre schade gewesen, hätte ich die Fahrt ohne Fotoapparat fortsetzen müssen. Außerdem hörte ich durch Lars wieder mal etwas von zu Hause. Verstärkt durch einen vierten Mitstreiter zog das, bisher dreiblättrige, Kleeblatt am darauf folgenden Morgen weiter.

8. Juli 1989, Tulln

Bei der Schleuse Altenwörth brach Annes Bootswagen zusammen. Er hatte schon von Anfang an keine besonders gute Figur gemacht und das häufigen Umtragen in letzter Zeit hat ihm dann den Rest gegeben. Aber Dank der Hilfsbereitschaft der TIDler hatte sie am Abend in Tulln bald einen Ersatzwagen aufgetrieben.

9. Juli 1989, Wien

Sonntag, seit einem Monat war ich unterwegs. An diesem Tag passierten wir die vorerst letzte Schleuse. Schon gegen elf Uhr erreichten wir den Kuchelauer Hafen der Stadt Wien. Mittags ließ ich mich von Anne dazu überreden ihr die Haare zu schneiden. Es war ihre eigene Schuld, aber so schlimm sah es eigentlich gar nicht aus. Wir saßen dann etwas gelangweilt in einem Biergarten herum, der ein Saftladen war und verzogen uns schleunigst als sich ein Gewitter ankündigte. Gegen Abend machten Lars, Anne und ich uns auf den Weg ein bisschen die Gegend zu erkunden. Daraus wurde sehr schnell eine handfeste Wanderung. Um die 20 Schilling für die Straßenbahn zu sparen liefen wir die ganze Strecke bis zum Stephansdom. Wer Wien kennt weiß, dass das vom Kuchelauer Hafen aus ein ganz gewaltigen Stück ist. Aber wir haben dadurch sehr viel interessantes und auch weniger interessantes gesehen. Ich war nicht sehr begeistert, weil ich ja große Städte nicht so mag. Mit ziemlich runden Füßen kamen wir nach etwa 5 Stunden zum Zeltplatz zurück. Um uns abzukühlen setzten wir uns einfach in die großen Waschbecken, die am Rande des Zeltplatzes aufgestellt waren.

10 Juli 1989, Wien

Am darauf folgenden Ruhetag ging es dann, diesmal etwas bequemer mit den Bussen, noch einmal nach Wien hinein, wir setzten uns doch bald von der Rundfahrt ab und machten noch einen Stadtbummel. Zurück fuhren wir dann mit der U-Bahn, das waren uns unsere Füße wert. Lars hatte noch eine ganz schöne Rennerei, um sich einen Bootswagen zu besorgen. Er hatte eingesehen, dass es ohne dieses Hilfsmittel einfach zu umständlich war, für ihn wie auch für andere. Rolli (Rolf Kunze) und Jupp Harrings übernahmen hier in Wien wieder die Aufgabe der Fahrtenleitung und gaben diese auch bis Belgrad nicht mehr ab.

11. Juli 1989, Hainburg

Morgens um halb sieben waren wir am Dienstag schon auf dem Wasser. Wir hatten gute Strömung und waren auch um 10 Uhr schon in Hainburg, dem letzten Etappenort in Österreich. Anne und ich hatten wieder mal keine Ruhe und wir rannten gleich nach dem Essen los, die Umgebung zu erkunden. Vom Braunsberg aus hatten wir einen schönen Blick zum Thebener Kegel und weit in die Tschechoslowakei hinein. Im Dunst konnte man sogar die Hochhäuser Bratislavas ausmachen. Unser Ziel für morgen. Abends ging ein schweres Gewitter nieder. Wir saßen unter der Plane, die wir zwischen unsere Zelte gespannt hatten. Rossitza hatte ihre Gitarre dabei und Peter spielte Mundharmonika. Man konnte wegen des Gewitters kaum etwas hören, aber es war trotzdem super gemütlich.

12. Juli 1989, Bratislava

Die nächste Etappe von Hainburg nach Bratislava betrug nur 16 km. Jede Nation musste in einer Gruppe starten um die Einreiseformalitäten zu vereinfachen. DOCU0066Wir warteten am Kiesstrand gegenüber von Hainburg bis alle bundesdeutschen Teilnehmer auf dem Wasser waren. Mit uns fuhren auch die vier Australier, sechs Engländer und auch die Kanadier. Gegen elf Uhr trafen wir in Bratislava ein. Wir konnten kaum die Boote aus dem Wasser nehmen denn die Zollbeamten wollten sofort unsere Reisepässe sehen. Sie nervten uns nur und anstatt uns mit unseren schweren Booten die steile Böschung hoch zu helfen, standen sie nur im Weg. Nachdem wir dann die Zelte an einem, wie wir meinten ruhigen Platz aufgebaut hatten, gingen wir erst einmal Geld wechseln. Das Gelände auf welchem wir zelteten war ein Schwimmbad. Das einzige Schwimmbecken dieses Bades war gefüllt mit herrlich sauberen, aber eiskaltem Wasser. Nach dem Baden gingen wir einkaufen. Es war mir nichts Fremdes in sozialistischen Ländern einzukaufen, aber mit den Aufschriften auf den vielen Dosen konnte ich immer noch nichts anfangen. Ich war überzeugt davon, dass in der Hälfte der Dosen etwas anderes sein würde als ich beim Kauf vermutete. Am Abend zogen Anne, Peter, Lars und ich noch mal los in die Stadt. Wir wollten noch was trinken. Als wir dann glücklich in der fünften Kneipe Platz gefunden hatten, störte es uns nicht, dass es nur noch Wein zu trinken gab. Dass wir dann aber um 9 Uhr zahlen und verschwinden mussten weil die Kneipe zu machte, ärgerte uns dann doch. Wieder zurück auf dem Zeltplatz mussten wir feststellen, dass der von uns als ruhig angenommene Platz unserer Zelte sich als das krasse Gegenteil erwies. Die slowakischen Freunde hatten, um uns zu Ehren, eine Disco veranstaltet. Die Freude unsrerseits hielt sich in Grenzen. Die Einheimischen aber hatten ihren Spaß und zwar einen großen Teil Nacht.

13. Juli 1989, Bratislava

Tags darauf machten wir einen ausgiebigen Stadtbummel. Zur Feier des Tages gingen wir sogar Mittagessen und zwar im Restaurant der Burg über Bratislava. Von dort hat man einen Überblick über die ganze Stadt. Hier in Bratislava starteten, erstmals in der Geschichte der TID, Sowjet Bürger, zwei Gruppen, eine davon aus Kiew. Die beiden Gruppen aus der UDSSR hätten eigentlich schon in Ingolstadt die Fahrt auf der Donau beginnen sollen, aber sie hatten die Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik nicht rechtzeitig bekommen.

14. Juli 1989, Palcovicovo

Auf der Strecke Bratislava – Palcovicovo kamen wir gut voran. Wir pausierten in einer kleinen Kneipe, die wohl zu einer Werft gehörte. Am Abend in Palcovicovo war ein richtiges Volksfest in Gange. Alle Bewohner des Dorfes waren in unser Zeltlager gekommen. Überall wurden Verkaufsbuden auf gestellt und sogar eine Schiffschaukel und ein Kettenkarussell gab es. Als es dunkelte wurde ein großes Lagerfeuer entzündet und Folklore Gruppen zeigten ihr Können.

Auch auf dieser Strecke findet sich heute ein Kraftwerk mit Schleuse und großem Stausee. Diese Baumassnahme diente nicht nur der Errichtung des Kraftwerks sondern sollte auch die Schiffbarkeit verbessern.

15. Juli 1989, Nova Straz

Die Donau brachte uns weiter. Nacht einem sonnigen Tag mit einer längeren Rast auf einer Sandbank kamen wir treibender Weise in Nova Straz an. Auch auf diesem Platz waren Verkaufsstände. Ein junger Mann der mit Gemüse handelte, sprach mich an, er sei Münzensammler und es fehle ihm noch das Zweipfennigstück. Ich schaute nach ob ich noch irgendwo deutsche Münzen bei mir hatte und schenkte ihm die Handvoll Kleingeld was ich noch fand. Die Freude die ich ihm damit machte ist unvorstellbar. Er überhäufte mich mit Radieschen. Jedes Mal wenn ich an seinem Stand vorbei kam, schenkte er mir noch mehr. Da wir am nächsten Morgen die Tschechoslowakei verlassen sollten, mussten wir unsere letzten Kronen ausgeben. Wir hatten genügend Gemüse für die nächsten Tage und so legten wir das Geld in Pivo und Slibowitz an.

16. Juli 1989, Esztergom

Morgens um sieben war die Zollabfertigung, das heißt wir stellten uns um diese Zeit für die Zollabfertigung auf. Es ging eine ganze Weile bis wir dran kamen. Die ungarischen Zollbeamten waren herüber gekommen und so konnte zugleich die Ausreise aus der Tschechoslowakei und die Einreise nach Ungarn abgewickelt werden.DOCU0071 Der Morgen war bewölkt und es gab auch Regen. Mittags wurde es dann besser. Wir hatten Rückenwind und nutzten diesen natürlich zum Segeln. Dazu legten wir die Boote nebeneinander, nahmen ein Paddel als Mast und ein Aussenzelt als Segel. Wir machten ordentlich Fahrt. In Esztergom bauten wir unsere Zelte in den Parkanlagen in der Nähe der Schiffsanlegestelle auf. Eigentlich hätten wir wie die Anderen auch in ein kleines Stadion gemusst, aber die Grünanlagen waren zu verlockend. Wir gingen abends in den Ort und suchten uns ein Restaurant. Ich wollte endlich mal wieder ungarisch Essen. Ich bestellte mir gefüllte Paprikas und hinterher gab es natürlich Palatschintas. Dazu tranken Peter und ich eine Flasche Tokajer. Nach dem Essen saßen wir hoch über den Dächern Esztergoms auf den Mauern vor der Kathedrale und schauten einem gewaltigen Sonnenuntergang zu.

17. Juli 1989, Esztergom

Ich war trotz des Ruhetages recht zeitig aufgestanden, um Brötchen zu holen. Das Frühstück zog sich darauf bis zehn Uhr hin. Da die Sonne kräftig schien und auch ein starker Wind blies, machte ich mich nach dem Essen daran meine Wäsche zu waschen. Gegen später frischten wir unsere Gemüsevorräte auf dem Markt auf und den Rest des Tages verbrachte ich mit Lesen und Faulenzen. Am Abend saß ich bei Rolli, Nicki und Erich. Erich war diesmal wirklich Erich und nicht Peter. Auch die Ruderer die hier starten wollten gesellten sich zu uns. Die Nacht war die erste auf der Fahrt, die ich im Freien verbrachte.

18. Juli 1989, Budapest

DOCU0073Auf die nächste Etappe hatte ich mich schon seit Tagen gefreut, denn ich war schon im letzten Jahr auf diesem Teil der Donau gefahren, allerdings nicht mit dem Faltboot sondern von Visegrad aus mit einem Ausflugschiff. Wegen der Großbaustelle bei Visegrad mussten wir uns alle vor der Engstelle sammeln. Wir sollten dann von Polizeibooten eskortiert den angeblich schwierigen Teil passieren. Die Umstände, dass wir die ersten waren und dass sich am Ufer ein Buffet befand, verschafften uns eine kurze Pause. Als dann nach und nach alle angekommen waren, wurde der Baustellen Abschnitt zügig passiert. Ich paddelte einige Zeit neben Rolli her, als wir plötzlich winkende und rufende Leute auf einer Terrasse etwas erhöht am Berg entdeckten. Sie hatten Rolli auf diese ganz beachtliche Entfernung erkannt. Nachdem wir die Baustelle hinter uns hatten wählten wir den etwas längeren aber sehr viel schöneren Szetendre-Nebenarm. In Szetendre machten wir einen kleinen Spaziergang, aber der Rummel in den Straßen dieses Touristenortes vertrieb uns und wir suchten bald wieder die Ruhe auf dem Strom. Am Ende der Szetendreinsel auf der anderen Seite der Donau liegt der Budapester TID Zeltplatz auf dem Sportgelände der Firma Tungsram. Ich schob gerade mein Boot auf dem Bootswagen Richtung Zeltplatz als hinter mir laut hupend ein Taxi bremste. Helmut kam aus dem Wagen geschossen und stürmte auf mich zu. Jetzt waren wir bereits drei Konstanzer auf der TID. Insgesamt waren über Tausend Kanuten und Ruderer auf dem Gelände. Manche davon beendeten ihre Fahrt hier, viele Andere wollten hier in Budapest starten.
Die deutschen Teilnehmer waren in der Deutschen Botschaft zum Empfang eingeladen. Erst wollten Lars und ich nicht in den total überfüllten Bus steigen, der uns zur Botschaft bringen sollte, aber als dann noch ein Zweiter aufkreuzte entschlossen wir uns doch mitzufahren. Während der Fahrt begann es zu regnen und Rolli erzählte, dass er noch nie Regen in Budapest erlebt hätte. Es hörte aber wieder auf als wir die Botschaft erreichten. Dass es gar nicht das Botschaftsgebäude war, in dem wir empfangen wurden, wussten wir damals noch nicht. Die Deutsche Botschaft in Budapest war zu diesem Zeitpunkt bereits von ausreisewilligen DDR-Bürgern besetzt. Der Botschafter hatte sein Privathaus und seinen Garten für den Empfang der TID’ler zur Verfügung gestellt.

Diese Information bekamen wir allerdings erst ein paar Wochen später, irgendwo in Serbien.
Ich sah dort eine Ungarin, mit der ich mich in der vermeintlichen Botschaft unterhalten hatte, über den Zeltplatz laufen und sprach sie an. Sie war die Frau von Lazi Balogh, dem ungarischen Präsidenten der TID in diesem 
Jahr und ausserdem TID Teilnehmerin. Sie hatte dort ausgeholfen und klärte mich über die damalige Situation der besetzten Botschaften in Budapest und Prag auf. Die Informationen wurden uns vorenthalten, da auch viele Bürger der DDR mit uns unterwegs waren und wohl befürchtet wurde, dass sich die auch auf den Weg in den Westen machen würden. 

Wir machten uns im Garten breit, als es erneut anfing zu regnen. Das machte uns aber nichts aus, denn wir hockten im Kreis unter einer Weißtanne und hatten es ziemlich lustig. Als die zwei Reisebusse voller lustiger und aufgekratzter Leute am Zeltplatz ankamen, erblickte ich beim Aussteigen sofort das rote Motorrad. Matthias war da. Wir hatten, noch zu Hause, verabredet uns hier in Budapest zu treffen. Er hatte mir mein kleines Zelt mit gebracht. Jetzt konnte ich das Alte, was kurz vor dem Zusammenbruch stand, ausrangieren. Es hatte mir gute Dienste geleistet aber nach 12 Jahren stellen sich gewisse Abnutzungserscheinungen ein. Wir saßen noch bis spät in die Nacht. Matthias und ich hatten vor am nächsten Tag eine Stadtrundfahrt mit dem Motorrad zu machen. Wir waren kurz vor meiner Abreise bei Thomas gewesen, der in Konstanz ein ungarisches Restaurant führt. Er hatte uns die Adresse seiner Eltern gegeben und uns gebeten sie zu besuchen. Das taten wir auch am nächsten Tag.

19. Juli 1989, Budapest

Die Beiden freuten sich sehr über unseren Besuch, obwohl sie uns überhaupt nicht kannten waren wir aufs herzlichste willkommen.

Wir tauschten D-Mark in Forint, was zwar verboten, aber durchaus günstiger als bei offiziellen Wechselstuben war.

Anne und ich hatten beschlossen einen weiteren Ruhetag in Budapest einzulegen und das Stück bis Dunajvarosz an einem Tag zu paddeln.

20. Juli 1989, Budapest

DOCU0076An diesem zweiten Ruhetag also machten Matthias, Anne und ich uns auf den Weg mit der U-Bahn quer durch Budapest. Wir besuchten unter anderem das Szechnjibad, einen herrlichen Jugendstilbau. Das warme Wasser in den geschwungen geformten Schwimmbecken kam uns gerade wie gerufen, wir hatten schon lange kein warmes Wasser mehr gesehen. Am Abend verabschiedeten wir uns von Matthias. Er wollte am nächsten Tag weiter.

21. Juli 1989, Dunajivarosz

Und wir mussten die TID einholen. Um sieben Uhr waren wir wieder auf dem Wasser. Es ging flott voran. Als wir in Ercsi, dem Etappenort des Vortages ankamen, gingen dort die Letzten gerade aufs Wasser. Nachmittags gegen vier Uhr erreichten wir, nach 80 km, Dunajivarosz. Helmut, Peter und Lars hatten uns Platz für unsere Zelte frei gehalten. Dunajivarosz ist eine sehr junge Stadt, das bemerkte ich als wir beim Einkaufen waren. Man sah nirgends alte Häuser. Die Stadt wurde nach 1950 innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft.

22 Juli 1989, Paks

Schon fast automatisch bauten wir am nächsten Morgen unsere Zelte ab und packten die Boote. Unser Tagesablauf wurde mehr und mehr Routine. Auf der Suche nach einem geeigneten Strand für die Mittagsrast entdeckten wir am Ufer ein paar riesige Sandhaufen. Wir legten an und tobten erst einmal wie wild im Sand herum. DOCU0080In Paks angekommen zogen wir unsere Boote etwas oberhalb des eigentlichen Zeltplatzes ans Ufer. Hier war ein schöner Sandstrand und man konnte die Boote gut heraus nehmen. Am Nachmittag setzten wir das Kentertraining von Weissenkirchen fort. Anne machte schon Fortschritte aber sie bekam die Rolle noch nicht hin. Lars verlor beim Rollen seine teure Uhr was ihn ziemlich wurmte, aber er hatte sie ja vorher ausziehen können. Abends wurden wir von den ungarischen Freunden mit Essen versorgt. Auch schon in der Tschechoslowakei hatten die TID Organisatoren sich alle Mühe gegeben uns satt zu kriegen. In Ungarn gab es jedoch nicht jeden Abend Essen für alle, das wäre auch bei 700 Personen zum Problem geworden. Wir versorgten uns meist selbst und leisteten uns sogar ab und zu den Luxus Essen zu gehen. Meine, von der deutschen und der österreichischen Strecke her stark strapazierte Reisekasse hatte sich mittlerweile wieder etwas erholt und das Leben erschien uns in Ungarn, für unsere Verhältnisse sehr günstig, aber eben nur für unsere Verhältnisse.

23. Juli 1989, Baja

Der nächste, wieder wunderbar sonnige Tag brachte uns nach Baja. Hier an der Mündung des Sugovica-Kanales, einen Kilometer stromauf befand sich der TID Zeltplatz. Das Wasser im Kanal war angenehm warm und so nahmen wir nach der Ankunft erst mal ein Bad. Die anschließende Dusche fand unter einem großen blauen Wasserhahn statt, wie man sie überall in Ungarn an den Straßen finden kann. DOCU0086Wobei immer einer unterm Hahn saß und der Andere den Hahn betätigen musste. Eigentlich hätte Frank hier starten sollen, aber es war weit und breit nichts von ihm zu sehen. In der Kneipe beim Freibad ging es hoch her. Der Wirt, ein urgemütlicher, lustiger Ungar, ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Als wir dann alle getrennt zahlen wollten, nahm er von jedem einzeln das Geld, lief damit zur Kasse, holte das Wechselgeld und kam damit zurück. Das ging dreimal so und jedes Mal war es der gleiche Betrag, wir amüsierten uns köstlich dabei. Am nächsten Morgen war Frank immer noch nicht eingetroffen.

24. Juli 1989, Mohács

Nachdem wir bis 9 Uhr auf ihn gewartet hatten, paddelten wir los Richtung Mohács. Es konnte ja gut sein, dass er von Budapest aus keinen Zug nach Baja bekommen hatte und deshalb gleich nach Mohács gefahren war. Diese Vermutung erwies sich jedoch als falsch, als wir in Mohacs ankamen. Keine Spur von Frank. Aber wir bekamen anderen Besuch. Ich hatte Matthias eine Kopie unseres Zeitplanes gegeben und da er ganz in unserer Nähe war schaute er noch mal bei uns vorbei. Frank, aber traf den ganzen Tag über nicht ein. Das war nicht weiter tragisch, denn der folgende Tag war ein Ruhetag.

25. Juli 1989, Mohács

Diesen letzten Ruhetag in Ungarn habe ich damit verbracht auf dem Zeltplatz rumzulungern, meine letzten Forint unter die Leute zu bringen und am Nachmittag mit Matthias Essen zu gehen. Die Anderen waren zu einer Besichtigungstour nach Peches gefahren. Frank traf auch an diesem Tag nicht ein.

26. Juli 1989, Batina

DOCU0093Der nächste Morgen begann damit, dass wir uns anstellten um ins Wasser zu kommen. Dies war für eine einigermaßen reibungslose Zollabfertigung nötig. Wir mussten, nachdem wir eingestiegen waren an einen Steg heran fahren und laut unseren Namen rufen. Nach der Begutachtung durch insgesamt sechs Zöllner bekamen wir dann unsere Pässe ausgehändigt. Diese bürokratisch bedingte Verzögerung hätte uns eigentlich nichts ausgemacht, wenn es nicht in Strömen geregnet hätte. Unterwegs Richtung Jugoslawien hörte es bald auf zu regnen. Kurz nachdem wir die Grenze passiert hatten, hörte ich Lars weiter vor mir rufen: „Frank ist da!“. Tatsächlich ich erkannte ihn sofort am gelben Deck seines Faltbootes. Was war geschehen? Er musste uns natürlich gleich berichten. Kurz vor seiner Abreise hatte er seinen Reisepass verloren. Einen Ersatzpass bekam er in dieser kurzen Zeit noch ausgestellt aber kein ungarisches Visum. So war er einfach nach Jugoslawien gereist um uns dort in Batina zu erwarten. Er war uns an diesem Morgen entgegen gefahren um uns zu begrüßen. Die Reise nach Batina muss außerordentlich erlebnisreich gewesen sein, nach allem was er uns erzählte. Er war schon seit drei Tagen hier und hatte natürlich schon eine Menge Bekanntschaften gemacht. Während er so berichtete, fiel uns mit einem mal ein, dass Frank Geburtstag hatte. Glücklicherweise hatte ich eine Flasche Wein in Reichweite und so hatten wir an diesem Tag gleich zwei Gründe zum Feiern. Auf dem Zeltplatz angekommen schleppte er mich gleich mit zu einer Familie zum Mittagessen. Der Vater war Journalist bei einer ungarisch-sprachigen Zeitung. Er wollte ein Interview mit uns machen. Wir holten noch Neil, einen der beiden Engländer, die ihre Fahrräder mit dabei hatten dazu und es wurde ein lustiges Kauderwelsch daraus.
Unsere Zelte standen zwischen lauter nicht ganz fertig gebauten Ferienhäuschen und es gab eine Unmenge von Schnaken, die uns ziemlich piesackten. Lustig ging es zu, als Lars sein Zelt aufbaute. Er hatte in Mohacs Eier gekauft und diese im Zelt vorsichtig deponiert. Als er allerdings sein Zelt am Morgen abbaute, dachte er natürlich an alles andere als an die Eier. Aber zu unserem Erstaunen war ein Ei sogar noch ganz geblieben.

27. Juli 1989, Aljimas

Da wir ziemlich lange gefeiert hatten, kam ich am nächsten Tag nur sehr langsam aus den Federn. Wir starteten ausnahmsweise nicht vor acht Uhr. Der Tag bescherte uns viel Sonne und nachmittags kräftigen Wind. Unser Zeltplatz war das Fußballfeld des Dorfes Aljimas. Am späten Nachmittag wurde ein Turnier zwischen der Dorfmannschaft und einer TID Auswahlmannschaft ausgetragen. Wer dabei als Sieger hervor gegangen ist habe ich im allgemeinen Chaos nicht mitbekommen. DOCU0085Das Einkaufen hier in Jugoslawien war wieder etwas ganz anderes als in den vorhergegangenen Staaten. Von den relativ kleinen Beträgen aus Ungarn und der Tschechoslowakei mussten wir uns nun auf Riesensummen umstellen. Da die Inflation so gewaltig war, hatten wir zu Anfang eine enorme Rechnerei. Mit der Zeit gewöhnten wir uns daran mit diesen vielen Nullen umzugehen.

28. Juli 1989, Vukovar-Vecudol

Wir waren sehr früh aufgestanden und paddelten schon um sechs Uhr los. Es war etwas kühler als sonst und der Himmel war bewölkt. Wir fuhren vorbei an sehr schönen Sandstränden und machten auch auf einem von diesen rast. Mittags um 12 waren wir bereits in Vukovar-Vecudol. Es war etwas umständlich die Boote an der steilen Böschung zu lagern und auszuräumen und auch der Zeltplatz war nicht besonders gut. Die Zelte standen auf Gras überwucherten Betonplatten und waren mehr oder weniger mit den Zeltnägeln festgeheftet. Dass es in dieser Nacht windstill blieb, wusste ich sehr zu schätzen. Helmut, Peter, Lars und Frank kamen einige Zeit nach uns an. Wir machten uns Sorgen um Peter. Er hatte beim Boote herausheben Probleme mit seinem Rücken bekommen. Gleich nachdem er sein Zelt aufgebaut hatte verschwand er darin. Er befürchtete nicht mehr weiter fahren zu können und war deshalb frustriert.

Vukovar liegt in Kroatien, an der Grenze zu Serbien und erlangte im Kroatienkrieg 1991-1995 traurige Berühmtheit. Wir hörten auch schon damals von blutigen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Nationalitäten im ehemaligen Jugoslawien. Gar nicht all zu weit entfernt war es zu Gefechten gekommen. Im Westen hatte man 1989 davon wenig Notiz genommen, stand doch das Jahr unter dem Einfluss der Grenzöffnung in Ungarn und der Tschechoslowakei und fand seinen Höhepunkt im Fall der Berliner Mauer. 

29. Juli 1989, Backa Palanka

Am nächsten Morgen aber ging es ihm wieder besser und die Fahrt konnte auch für ihn weiter gehen. Er startete allerdings nicht mit uns, sondern mit Dietmar und Helga. Er wollte es mit seinen Vereinskameraden etwas langsamer angehen. Frank fuhr irgendwo in einem Seitenarm rum und Lars war uns voraus gepaddelt. So blieben nur noch Helmut, Anne und ich übrig. Wir legten unsere Strecke zusammen und an einem Stück zurück. DOCU0156Unterwegs überholten wir Lars der sich den Rest der Strecke treiben ließ. In Backa Palanka hatten wir einen tollen Zeltplatz. Man konnte von der Donau aus in einen kleinen See fahren. Dort war ein herrlicher Sandstrand und ich brauchte Anne nicht dazu überreden das Kentertraining wieder aufzunehmen. Diesmal war die Mühe von Erfolg gekrönt. Anne schaffte zum ersten Mal die Eskimorolle ohne Hilfe. Frank war in einem der Nebenarme, die er an diesem Tag befuhr, fündig geworden. Er kam mit einer Flasche Slibowitz, die er für eine Mark erstanden hatte und einer ziemlichen Verspätung, an. Am Abend wurden wir von Insektenschutzmittel sprühenden Motorflugzeugen heimgesucht. Ich hatte nicht nur Sorge wegen des Giftes, sondern auch wegen der altersschwachen Maschinen. Aber sie blieben alle oben. Man hatte uns davor gewarnt unsere Sachen unbeobachtet herum liegen zu lassen. Es wurde furchtbar viel gestohlen auf diesem Zeltplatz. Überall fuhren jugendliche Halbstarke mit ihren Mopeds zwischen unseren Zelten herum und so nahmen wir den Rat ernst. Im Gegensatz zu vielen anderen wurde uns während der ganzen Fahrt nichts gestohlen.

30. Juli 1989, Novi Sad

An diesem Sonntag machten wir uns, nun wieder alle fünf, gemeinsam auf den Weg. Auf einer Sandbank versuchte sich Frank unterwegs als Goldwäscher er benutzte hierfür seine Paellapfanne, aber er blieb erfolglos, vom Gelächter der Zuschauer mal abgesehen. Frank und ich hatten anschließend keine rechte Lust mehr zu paddeln und so ließen wir uns etwa eine Stunde lang treiben. Es war so ruhig um mich herum, dass ich mitten auf der Donau eingeschlafen bin. Nach diesem Mittagsschläfchen setzten Frank und ich unter lautem Singen unsere Fahrt nach Novi Sad fort. DOCU0105Unsere ausgelassene Stimmung wurde aber nach unsrer Ankunft sofort etwas gedämpft, als wir den Platz besichtigten. Ein Waldstück aus dem lediglich ein paar Bäume heraus geschlagen worden waren, so dass man ein Zelt aufstellen konnte. Es war allerdings vergessen worden die Baumstümpfe zu entfernen. Dazu kam noch, dass überall im Laub Glasscherben herum lagen. Einige verließen demonstrativ das Gelände um den auf der anderen Seite gelegenen Campingplatz aufzusuchen oder gleich weiter nach Slankamen oder Belgrad zu paddeln. Einen entscheidenden Vorteil hatte dieser Platz allerdings. Im Wald oberhalb des Geländes befand sich eine Quelle, an der wir uns mit kristallklarem frischem Wasser versorgten. Es sprach sich natürlich wie ein Lauffeuer im TID Lager herum und es herrschte dort reges Treiben. Am Abend fand ein Fischsuppewettkochen statt. Dazu spielte eine Big Band mit enormer Lautstärke. über meinem Zelt strahlte eine Zweihundert Watt Lampe und ich schlief in dieser Nacht am Strand, wo ich trotz allem Rummel doch meine Ruhe hatte.

DOCU0106Wer den Fischsuppe-Wettbewerb gewonnen hat, kann ich nach so langer Zeit nicht mehr sagen. Es war so organisiert, dass jede Nation eine eigene Suppe kreierte. In der deutschen waren mir eindeutig zu viele Kartoffeln. Aber die von Ljubos fand ich die Beste. Ich war während der Fahrt öfter bei ihm zu Gast und wunderte mich, woher er immer die Fische bekam. Irgendwann sah ich, wie er einen toten Fisch aus der Donau zog, kurz daran schnupperte und ihn dann in seinen Canadier warf. Ich bin danach nicht mehr so oft bei ihm Essen gegangen.

31. Juli 1989, Novi Sad

Die Stadtrundfahrt am nächsten Tag hätten wir uns eigentlich sparen können. Nachdem wir über einige Kirchen und Dörfer zur Festung Petrovaradein gekarrt worden waren, setzte man uns mitten in der Stadt am Wochenmarkt ab. Der Rückweg war uns selbst überlassen. Wir nutzen die Gelegenheit um einzukaufen und fuhren dann mit dem öffentlichen Bus zurück. Während unsrer mittäglichen Teestunde brach mein Hocker, den ich in Passau gekauft hatte, zusammen. Als ich ihn notdürftig repariert hatte brach er, dies mal unter Frank, erneut zusammen. Ich beschloss darauf hin in Zukunft keinen Hocker mehr zu brauchen. Gegen Abend braute sich ein gewaltiges Gewitter zusammen. Von kräftigen Regenschauern attackiert verkrochen wir uns in unsere Zelte.

1. August 1989, Slankamen

Entgegen unsrer Hoffnung hatte sich der Regen bis zum Morgen nicht verzogen. Es regnete unaufhörlich. Es war kalt und die 43 km zogen sich wie Gummi in die Länge. Der Slibowitz den wir kurz vor Slankamen, von am Ufer stehenden jugoslawischen Campern angeboten bekamen kam uns gerade recht. Die Ankunft in Slankamen wird wohl keiner der Beteiligten je vergessen. Unsere erste Reaktion war den Ort kurzerhand in Schlammkamen umzutaufen. Wir versanken knöcheltief im Morast und zwar nicht nur am Ufer, sondern auf dem ganzen Platz. Als ich einen einigermaßen festen Untergrund für mein Zelt gefunden hatte, verkroch ich mich erst ein mal in meinem Schlafsack und tauchte erst zum Essen wieder auf. Als ich wieder warme Füße hatte und auch etwas gegessen hatte sah der Platz gar nicht mehr so zum Fürchten aus. Im Gegenteil ich kann mich an kaum einen Ort auf der Fahrt erinnern an dem ich so viel gelacht habe wie an diesem. Besonders komisch war es als Frank sein Zelt putzte. Er schüttete ganz einfach einen Eimer Wasser hinein und stieg mit seinen Schlamm überkrusteten Schuhen hinterher. Er begann dann mit einem Schwamm das Zelt auszuwischen. Aber eines musste man ihm lassen, es wurde sauber, zur Überraschung aller, wahrscheinlich auch zu seiner. Lars und Frank hatten von der Jugendgruppe aus Celle erfahren, dass man im Heizwerk des Krankenhauses seine nassen Klamotten trocknen könne. Sie zogen also mit all ihren Sachen los. Als sie dann später wieder abholten waren die Kleider zwar trocken, aber dafür, von dem vielen Kohlenstaub, schwarz. Anne wurde etwas später vom Chef des örtlichen Krankenhaus zu einer Miss TID Wahl entführt, die im Rahmen der allabendlichen Delegatio stattfand. Sie konnte uns, als sie zurückkam, allerdings nicht sagen ob sie erste oder zweite Miss TID geworden war. Mit ihr war nämlich auch noch Nadeschda aus der Sowjet Union zur Wahl gestanden. Auf jeden Fall hatte sie einen Preis gewonnen ein ihrer Meinung nach potthässliches, lachs-rosa Kleid aus irgendeiner Kunstfaser. Wir fanden es alle wunderbar und ärgerten sie bei jeder Gelegenheit damit, sie solle es doch anziehen. Da es immer noch regnete, saß der Rest der TID, die nicht mit zur Delegatio gegangen waren, bis spät in die Nacht in der Dorfkneipe. Die Delegatio ist eine Veranstaltung, zu der von jeder an der TID beteiligten Nation ein paar Paddler eingeladen sind. Es werden dort Reden geschwungen, es gibt zu essen und zu trinken, vor allem Letzteres. Als die Delegatio vorüber war wurde die kleine Kneipe noch voller.

2. August 1989, Belgrad

Bis zum Morgen hatte sich der Regen gelegt und wir konnten im Trockenen abbauen. Als Ersatz für den Regen hatte sich starker Wind eingestellt. Die Donau war recht aufgewühlt und unsere fünfköpfige Gruppe zerrte sich ziemlich auseinander. Ich fuhr das Stück von Slankamen bis Belgrad mehr oder weniger alleine und hielt es deshalb auch nicht für nötig eine Pause zu machen. Kurz vor Belgrad traf ich auf Sascha und seinen Großvater. Ursprünglich kam er aus Jestetten und war nach dem Krieg nach Canada ausgewandert. Während wir uns unterhielten, las er die Adresse auf meinem Ersatzpaddel und erzählte mir, dass er bzw. seine Eltern vor dem Krieg einen Bekannten namens Zürcher gehabt hätten. Im Laufe des weiteren Gesprächs kam ich auf den Gedanken, es könne sich nur um meinen Großonkel Walter handeln. Wir waren beide sehr überrascht und uns einig darüber, dass die Welt ein Dorf sei. Wenig später erreichten wir Belgrad. Das Gelände des Sportzentrums in Belgrad, das man der TID zur Verfügung gestellt hatte, war groß und sauber. Die Nachwirkungen des vorhergegangenen Regentages waren unübersehbar. Überall waren Wäscheleinen aufgespannt und es flatterte bunt. Lars war vor mir angekommen. Er war schon dabei sein Faltboot abzubauen. Für ihn war die Fahrt hier zu Ende. DOCU0113An seiner Stelle kam jetzt Werner, Helmuts Enkel, der von Belgrad bis Silistra fahren wollte. Aber nicht nur Lars beendete hier seine Fahrt. Zwei große Reisebusse fuhren von hier aus nach Mannheim-Frankenthal zurück. Unter anderen fuhren auch Rolli und Jupp nach Hause. Sie übergaben uns der Obhut von Herbert und Kucki, die jetzt bis nach Silistra unsere Fahrtenleiter waren. Ganz bei uns in der Nähe zelteten auch Hilde und Wilm. Frank kannte die beiden schon von Batina her und wir saßen den ganzen Abend beieinander.

4. August 1989, Smederevo

Nach einem gemütlichen Ruhetag in Belgrad ging es am 4. August weiter nach Smederevo. Hilde und Wilm hatten sich uns angeschlossen. Der Zeltplatz befand sich an der Uferpromenade und in der Nähe war ein Schwimmbad, zu dem wir freien Eintritt hatten. Den Nachmittag verbrachten wir mit Baden und diversen Bootsreparaturen. Peter entwickelte sich langsam zum TID Mechaniker. Er hatte jede Menge Werkzeug dabei und stellte sich so geschickt an, dass er von allen Seiten auf gebrochene Spanten oder defekte Bootswagen angesprochen wurde. Er war immer zur Stelle, egal was kaputt war.

5. August 1989, Velico Gradiste

Die nächste Station war Velico Gradiste. Das linke Ufer wurde nun rumänisch. Das bedeutete für uns nur noch am rechten Ufer an Land zu gehen. Wir lagerten in den Parkanlagen der Stadt direkt bei einem Partisanendenkmal. Es gab im ganzen Ort nur in einem Laden Brot. Dieser Laden war aber nur für die Versorgung der Schifffahrt gedacht. Das hieß im Klartext, wir bekamen kein Brot. In einem anderen Laden gab es dafür jede Menge Kekse womit wir uns auch reichlich eindeckten. Nicki versicherte uns, morgen werdet ihr Brot bekommen.

6. August 1989, Dobra

Der nächste Tag war ein Sonntag. Kurz nach acht waren wir auf dem Wasser. Unsere Gruppe löste sich auf den ersten paar Kilometern auf. Anne, Frank und ich trödelten ziemlich vor uns hin. Nach ca. 10 km stellte sich Wind ein und es bauten sich Wellen auf. Wir machten unsere Spritzdecken zu. Es konnte recht problematisch werden hier am Eingang zum kleinen Djerdap. DOCU0131Aber die Schilderungen der alten TIDler waren wahrscheinlich recht subjektiv. Wir ließen uns vom Wind jedenfalls nicht aufhalten und paddelten zielstrebig auf die Festung Goloback zu. Diese teilweise wieder aufgebaute Ruine soll früher von Piraten bewohnt gewesen sein. Und wir mussten natürlich ganz hinauf. Es brauchte einige Anläufe den höchsten der Türme zu erreichen, aber nach etlichen erfolglosen Kletterversuchen wurden wir dann mit dem herrlichen Ausblick belohnt. Wir hielten uns geraume Zeit bei der Festung auf. Als wir dann weiter paddelten hatte sich der Wind gelegt. Am Ufer saßen Wilm, Peter und Hilde mit denen wir nach einer erneuten Pause unsere Fahrt in Richtung Dobra fortsetzten. Wieder mal auf einem Fußballfeld hatten wir unser Lager aufgeschlagen. Ganz in der Nähe des Zeltplatzes mündete ein kleiner Fluss in die Donau. Etwas oberhalb war eine Furt. Dieser kleine sehr saubere Fluss wurde sehr schnell zum allgemeinen Wasch und Badeplatz ernannt. Frank und ich saßen eine ganze Weile dort im Wasser, wuschen uns und unterhielten uns mit den Leuten die vorbei kamen, oder wir spritzten sie einfach nass. Auch in diesem Dorf gab es kein Brot. Überhaupt waren die Einkaufsmöglichkeiten schlecht in Dobra, obwohl Dobra eigentlich gut heißt. Aber wir hatten genug Vorräte um es uns gut gehen zu lassen. Vor allem mangelte es uns nie an Melonen.

Gegen später kam ein Mann vom Dorf herunter zu unserem Zeltplatz. Er hatte einen Stuhl dabei. Diesen stellte er in der Furt mitten in den Bach. Kurz darauf erschien der Pope von Dobra, nahm auf dem Stuhl Platz, kühlte sich die Füße im Wasser und sah dem Treiben auf der Zeltwiese zu.
Die TID, ein Highlight.

7. August 1989, Donij Milanovac

Am nächsten Morgen herrschte große Aufregung. Ein paar Bulgaren hatten ihre Boote einfach am Ufer gelagert, die Donau war aber über Nacht einen halben Meter gestiegen und die Boote waren davon geschwommen. Das rasche Ansteigen der Donau hing mit dem großen Djerdapkraftwerk zusammen. Tagsüber, wenn Strom gebraucht wurde fiel der Wasserspiegel und nachts, wenn weniger Strom gebraucht wurde stieg er natürlich wieder an. Die Fahrt durch den kleinen Djerdap war beeindruckend. Die Felswände kamen immer dichter an die Donau heran und engten sie mehr und mehr ein. Erst nach dem Kilometer 1000 weitete sich das Gebirge und wir sahen einen großen See. Es war das Becken von Donij Milanovac. Wir hatten Rückenwind und die Wellen schoben uns hinüber zum gleichnamigen Ort. Unser Zeltplatz befand sich wieder einmal mitten in den Parkanlagen der Stadt. Nachdem ich mein Zelt aufgebaut hatte, zog ich erst einmal los Brot zu kaufen. Ich kam zurück mit einer riesigen Melone aber ohne Brot. Nachmittags kam Frank auf die Idee mit seinem Faltboot eine Rolle zu drehen, er hatte es ganz ausgeräumt. Am sandigen Strand machte er den Versuch. Es gelang ihm beim ersten Mal und auch ein zweites Mal schaffte er es. Nun war ich an der Reihe. Der erste Versuch klappte, aber beim zweiten Mal lag ich im Bach. Wie üblich, wenn wir unsere Rollen drehten, hatten wir gleich einige Zuschauer und es wurde ausgiebig geblödelt. Am Abend gab es Bohnensuppe und Brot. Wo es die Organisatoren aufgetrieben hatten bekamen wir nicht heraus.

8. August 1989, Tekja

Am nächsten Morgen aber gelang es Hilde, bevor wir abfuhren, zwei Brote zu kaufen. Das eigentliche Problem des Brotmangels war nämlich nur, dass wir mittags wenn wir unser Etappenziel erreicht hatten einfach zu spät dran waren Brot zu kaufen. An diesem Tag kamen wir durch den wohl eindrucksvollsten Teil unserer ganzen Fahrt, den großen Djerdap. Die Donau wird teilweise auf bis zu 150 Meter zusammengedrängt. Sie ist bis zu 100 Meter tief und die steilen Felswände erheben sich teilweise über 700 Meter hoch. Bis zur Fertigstellung des Djerdap Kraftwerkes war die Donau hier ein reißender Strom und die Befahrung dieser Strecke war nicht ungefährlich. Mit dem Bau des Staudammes wurde der gewaltige Donaudurchbruch zu einem riesigen Stausee. Helmut und Werner erzählten uns von der Zeit vor der Erstellung des Staudammes, der im Wesentlichen zur Verbesserung des Schifffahrtsbetriebes auf diesem Teilstück gebaut worden war. Ganze Ortschaften versanken in den Fluten, die dann so wie Tekja, das wir heute erreichen sollten, höher gelegen neu aufgebaut worden sind. Frank und ich paddelten erst eine Weile mit Neil und Simon zusammen, den beiden Engländern. An der engsten Stelle der Donau entdeckten wir eine Leiter, über welche man zu einem Schifffahrtssignal, hoch oben auf einem Felsen gelangen konnte. Wie kaum anders zu erwarten banden wir unsere Boote an der Leiter fest und machten uns auf den Weg nach oben. Von oben sahen unsere Boote aus wie winzige Nussschalen und im Vergleich zu dem riesigen Strom auf dem sie schwammen waren sie das auch. Gegen später klapperten wir die Fischerboote ab und erstanden tatsächlich einen Wels. Frank packte ihn in einen Eimer in sein Boot. Beim Kilometer 972 erreichten wir die Veteranihöhle. Es war dort ein reges Treiben, alle die vorbeikamen wollten natürlich rein paddeln, in die Höhle. DOCU0149So auch wir. Aber wir beließen es selbstverständlich nicht beim Hineinpaddeln, sondern wir stiegen aus und machten im Stockdunkeln einen Spaziergang. Als wir eine Weile so vor uns hingestolpert waren, schien es uns so, als ob es irgendwie wieder heller würde. Und so war es auch. Die Höhle hatte einen zweiten Ausgang. Da wir uns auf rumänischem Gebiet befanden verdrückte ich mich. Mir war der Gedanke unangenehm ohne Ausweis, den ich im Boot gelassen hatte und ohne Einreiseerlaubnis, in Rumänien aufgegriffen zu werden. Anne und Frank ließen solche Gedanken kalt, sie stapften weiter auf den Ausgang der Höhle zu. Aber raus getraut haben sie sich dann doch nicht. Im Gegensatz zu Martin, der wie er uns abends erzählte, einen ausgedehnten Spaziergang und ein Mittagsschläfchen in einem rumänischen Wald gemacht hatte. Während unserer Mittagspause nahm ich, den morgens gekauften Fisch aus. Wir machten recht lange Pause an der schönen Bucht inmitten der Felsen. Nachmittags gegen 15 Uhr kamen wir in Tekja an. Da wir ziemlich als Letzte zum Zeltplatz kamen, bauten wir unsere Zelte nicht direkt am Wasser auf, sondern etwas erhöht auf einem frisch gemähten Feld. Es ging kein Wind und die Luft flimmerte über dem Zeltplatz. Ich habe diesen Nachmittag als den heißesten der ganzen Fahrt in Erinnerung.
Ein paar junge Jugoslaven waren mit Rennkajaks am Ufer. Frank und ich liehen uns einen Zweier von ihnen aus. Er hatte keine Sitze und die Steuerung war kaputt. Aber wir hatten trotzdem einen Mordsspass daran wieder mal in einem schnelleren Boot zu sitzen als in unseren vollgepackten Dampfern. Auch Ljubo, ein Jugoslawe, versuchte sich im Rennkajakfahren, er war immer dabei, wenn es darum ging Boote auszuprobieren. Er war von Ingolstadt aus allein in einem Holzcanadier unterwegs gewesen genau wie der Admirale. In Belgrad allerdings tat er sich mit Ulli zusammen, der bisher auch zum Teil allein gepaddelt war. Sie waren ein wunderbares Gespann und wir amüsierten uns jedes Mal darüber, wenn sie in Ullis Canadier saßen und anfingen wie die Bürstenbinder zu streiten. In Wirklichkeit kamen die beiden sehr gut miteinander aus, obwohl Ljubo genau so wenig deutsch sprach wie Ulli serbisch. Zum Abendessen gab es den Wels, den wir in Franks Pfanne brieten. Spät, als es bereits dunkel war, gingen Frank und ich noch einmal Baden, die Hitze des Tages hatte sich kaum gelegt und so tat uns die Abkühlung vor dem Schlafengehen gut. Am nächsten Morgen ging es um sieben Uhr aufs Wasser.

9. August 1989, Kladovo

Ich war genau zwei Monate unterwegs. Um 9 Uhr fuhren wir in die riesige Schleuse des Kraftwerks Djerdap ein. Die Schleuse besteht aus zwei Kammern die je 300 Meter lang sind. Das Warten in der Schleuse war mir von Österreich her noch im Gedächtnis und ich machte es mir entsprechend gemütlich. Zwei Stunden später öffnete sich das Tor der unteren Schleuse und es begann ein wildes Rennen nach Kladovo. DOCU0159Anne und ich waren mit bei den Ersten, die den Zeltplatz erreichten und wir reservierten für uns und auch den Rest unserer nun mittlerweile achtköpfigen Gruppe einen schönen Platz, ganz in der Nähe des einzigen Wasserhahnes auf dem Gelände. Wir lagerten bei einer alten Festung, die aber ziemlich verfallen war. Gegen Nachmittag kam Wind auf und gegen später gab es sogar etwas Regen, der uns beim Einkaufen in der Stadt überraschte. Wie üblich deckten wir uns auf dem Markt mit Paprika, Tomaten und Melone ein. Es ist erstaunlich mit wie wenig Zutaten und einfachen Kochgelegenheiten man auf so einer Tour auskommt.

10. August 1989, Kladovo

Der nächste Tag war wieder ein Ruhetag für uns. Man muss aber mal grundsätzlich sagen, dass es an den Ruhetagen nie besonders ruhig zuging. Wie an allen vorhergegangenen Ruhetagen wurde gewaschen, Boote repariert und sonstige Kleinigkeiten erledigt. Durch den kräftigen Wind hatten sich enorme Wellen auf der Donau aufgebaut und Frank und ich mussten natürlich Hildes Seekajak ausprobieren. Am Nachmittag kletterten Anne, Hilde, Peter und ich mit einer Melone, mehreren zu schreibenden Postkarten und ein paar Büchern auf die Ruine. Wir waren ziemlich sprachlos wie uns Peter mit seinen 60 Jahren einfach hinterher kletterte und sagte: „was glaubt ihr denn…“. Wir machten es uns gemütlich und verbrachten den Rest des Nachmittags dort oben.

Am frühen Abend stiefelte ich über den Zeltplatz und kam an zwei Herren vorbei, die so in meinen jetzigen Alter gewesen sein dürften. Sie hatten schon etwas dem Alkohol zugesprochen und waren in die Karte der Donau vertieft. Die Donau macht bei Kladovo eine riesige Schleife und der Landweg erscheint kürzer, als der auf dem Wasser. Ich schaute auch auf die Karte und meinte im Scherz, sie sollen morgen halt mittels Bootswagen den Landweg nehmen, da können sie viel Zeit einsparen. Sie schauten mich an und meinten das sei eine gute Idee. Dass sie das ernst gemeint haben könnten, wäre mir im Traum nicht eingefallen. 

11. August 1989, Brza Palanka

Die Gegend hatte sich verändert, die steilen Klippen des Djerdaps hatten wir hinter uns gelassen. Die Landschaft war zwar noch hügelig aber nicht mehr so dramatisch. Wir pausierten an einem kleinen Sandstrand oberhalb dem ein Garten lag, in dem eine Frau arbeitete. Als wir eine Weile dort gesessen hatten kam die Frau zu uns herunter. Sie hatte einen Korb voll Zwiebeln bei sich, die sie uns schenkte. Zuerst waren wir alle recht sprachlos, aber Anne kramte dann in ihrem Gepäck und brachte ein paar Probefläschchen Parfüm zum Vorschein über die sich die Frau sehr freute. Ein alter Mann gesellte sich zu uns und wollte wissen woher wir kamen. Wir erzählten ihm was es mit der TID auf sich hatte und woher wir kamen. Dieses Gespräch erfolgte in einem Kauderwelsch von dem ein nicht an der TID beteiligter Zuhörer bestimmt nicht viel mitbekommen hätte. Als der Mann aber hörte wir seien aus der Bundesrepublik, strahlte er uns an und legte uns seinen Sprachschatz dar. Scheiße und Spitzbub waren die einzigen Worte die er noch kannte. Er war in Deutschland in Kriegsgefangenschaft gewesen. Aber er machte uns verständlich es sei ihm dort gut gegangen. In der Nähe von Trier hätte er bei einem Bauern arbeiten müssen. Die Frau die uns die Zwiebeln geschenkt hatte, kam erneut zu uns herunter. Diesmal war der Korb gefüllt mit Paprika und Pepperoni. Frank musste natürlich gleich eine von den kleinsten gelben Paprikas probieren und bekam anschließend kaum noch Luft. Der alte Mann freute sich spitzbübisch darüber und es brach allgemeines Gelächter los. Diese Begebenheit war nur ein ganz kleines Kapitel in der internationalen Völkerverständigung, aber es zeigt wie einfach es ist Freunde zu gewinnen. Wir verabschiedeten uns von den beiden und setzten unsere Fahrt fort. Die Strecke nach Brza Palanka war wenig abwechslungsreich und wir verkürzten uns die Zeit mit Formationspaddeln. Einmal alle hintereinander ein anderes Mal nebeneinander und auch von vorne nach hinten gestaffelt. Aber das war nicht alles, denn das Ganze wurde auch noch nach Bootsfarben sortiert. Während wir so beschäftigt waren kamen wir unserem Ziel, für diesen Tag, immer näher. Um 14 Uhr trafen wir in Brza Palanka ein. DOCU0175Es war sehr heiß und alles lechzte nach Wasser. Bei einer Baustelle ganz in der Nähe befand sich ein Wasserhahn, der aber nur tröpfelte. Es befanden sich schon einige wartende Leute dort und wir malten uns unsere Chancen in der nächsten halben Stunde an Wasser zu kommen ziemlich gering aus. Nach Befragung einiger Einheimischer fanden wir dann aber noch einen anderen funktionstüchtigeren Wasserhahn. Auf dem ganzen Zeltplatz fand man keinen Schatten und so zogen Anne und ich los um uns irgendwo ein paar schattenspendende Bäume zu suchen. Die fanden wir auch bei einer kleinen, verlassenen, windschiefen Hütte. Es waren Apfelbäume und wir hatten schon lange keine Äpfel mehr gegessen. Es verging eine Weile, in der ich Äpfel aß und im Spiegel las, welchen Frank und Anne in Belgrad gekauft hatten. Er war zwar schon fast einen Monat alt aber für mich auf der TID immer noch aktuell genug. Dann tauchte, als wir gerade eine Packung Kekse aufmachten, Frank auf. Er bestritt aber nur wegen der Kekse gekommen zu sein. Auch er hatte es auf dem Zeltplatz nicht mehr ausgehalten und hatte den selben gemütlichen Fleck entdeckt wo wir noch eine ganze Weile blieben und die Kühle und Ruhe genossen. Wieder zurück auf dem Zeltplatz kochten wir erst mal Tee und anschließend Abendessen. Wir waren gefragt worden, ob wir zur Delegatio mit wollten. Frank hatte sich natürlich gleich bereit erklärt und war auch gleich unterwegs. Er hatte, in seiner Eile, die Flasche Rum vor seinem Zelt stehen gelassen, über die wir uns gleich hermachten. Aber wir tranken den Rum nicht aus, sondern wir füllten in um teils in Peters Thermoskanne in der schon der Tee für den nächsten Tag war und teils in eine Flasche von Werner. Die leere Flasche von Frank füllten wir mit Tee, der in etwa die gleiche Farbe hatte wie der Rum.

Gegen Abend kamen auch die beiden an, denen ich im Spaß eine Portage über Land empfohlen hatte. Sie hatten sich tatsächlich mit dem Bootswagen auf den Weg gemacht. Allerdings macht die Donau so einen Bogen ja nicht ohne Grund. Die beiden hatten ordentlich zu schleppen, den steilen Berg hinauf. Sie gaben dann erschöpft auf und heuerten einen LKW -Fahrer an, der sie allerdings zurück nach Kladovo brachte. Den Weg nach Brza Palanka mussten sie dann doch paddelnd zurück legen. Ich ging den beiden für ein paar Tage aus dem Weg.

12. August 1989, Novo Selo

Der Morgen überraschte uns mit sehr trübem Wetter. Aber das konnte uns nicht aufhalten und wir machten uns auf den Weg nach Novo Selo. Wir mussten allerdings noch das zweite Djerdapkraftwerk und die Staatsgrenze passieren. Auf dem ersten Stück dieser Etappe, noch vor der Schleuse überfiel uns dann ein Regenschauer wie ich ihn selten erlebte und die Temperatur sank das wir anfingen zu schlottern. Ich liess einfach das Paddel los und zog mir die Spritzdecke bis über die Schultern hoch und wartete ab bis der Regen etwas nachliess. Es war eine Situation zum Brüllen, ich saß klatschnaß zusammen gekauert in meinem Boot und Frank keine zehn Meter von mir entfernt, amüsierte sich köstlich über meinen Anblick. Bei ihm hatte es nämlich schon auf gehöhrt zu regnen. Während wir dann weiter paddelten, schwärmte mir Frank von seiner Rumflasche vor und dass er sich riesig auf einen Schluck Rum freue wenn wir erst in der Schleuse wären. Ich wäre fast aus dem Boot gekippt aber ich durfte mir ja nichts anmerken lassen. Als wir nach einiger Zeit die Schleuse erreicht hatten kramte er die Flasche hervor setzte sie an und nahm einen kräftigen Schluck. Ich beobachtete gespannt die Szene. Ohne zu zögern spuckte Frank den Tee in den Bach und begann mit der Flasche wild um sich zu spritzen. Als er sich wieder beruhigt, hatte boten wir ihm von Peters Tee an und versicherten ihm, dass es sein Rum sei der darin war. Er war dann wieder versöhnlich gestimmt. Während wir so herumalberten hatte es aufgehört zu regnen. Wir fuhren etwa eine Stunde später als erste aus der Schleuse. Eine ganze Weile fuhr Nicki hinter uns, überholte uns aber als wir kurz an Land gingen. Anne und ich blieben ihm aber auf den Fersen. Er legt ein beachtliches Tempo vor und gewann an Vorsprung. Wir waren nach ihm die Ersten die Novo Selo erreichten. Als erstes wurden die Pässe eingesammelt, aber die Zöllner ließen uns Zeit und waren freundlich.DOCU0178 Es waren Wechselstuben am Ufer aufgebaut und der Kurs war etwa eins zu eins. Jetzt waren wir also in Bulgarien. Ich traf alte Freunde wieder Christo, Christina, Ivan und Tomi die ich in Ingolstadt kennengelernt hatte und auch Rossitza waren da. Christina amüsierte sich köstlich über meinen Bart, denn ich hatte mich seither nicht mehr rasiert. Am Abend gab es Bohnensuppe für alle und hinterher konnte man frische Milch bekommen, die noch ganz warm war.

13. August 1989, Vidin

Der nächste Tag begann uns mit strahlendem Sonnenschein. Ich paddelte voraus, ließ mich dann aber irgendwann treiben. Nachdem mich die Anderen dann eingeholt hatten, machten wir zehn Kilometer vor Vidin eine längere Badepause. In Vidin angekommen lud uns Rossitza zum Essen ein. Als wir zurück zum Zeltplatz kamen, legte gerade ein Ausflugschiff ab. Anne und ich wussten zwar nicht wohin die Reise ging, stiegen aber so schnell wie möglich noch ein. Unterwegs erfuhren wir, dass das Schiff uns nach Vidin hinein bringen sollte. Wir machten eine Besichtigung der Festungsanlage mit und sahen uns anschließend die Stadt auf eigene Faust an. Das Schiff brachte uns auch wieder zurück zum Zeltplatz. Zum Abendessen gab es Cevapcici. Frank hatte sein Boot abgebaut, er wollte von hier aus noch für eine Woche nach Sofia und dann war sein Urlaub zu Ende. Doch für uns ging es weiter, aber erst mal mit einem Ruhetag.

14. August 1989, Vidin

Eigentlich hätten Anne und ich auch mit auf die Rundreise durchs Hinterland sollen, aber wir zogen es vor den Ruhetag auf der Sandbank gegenüber des Zeltplatzes zu verbringen. Ich hatte mir Hildes Seekajak ausgeliehen und so hatten wir zwei Boote zum Rollen üben. Anne machte zusehends Fortschritte und sie probierte die Rolle auch schon auf der linken Seite. Gegen Nachmittag lagen wir dann nur noch faul in der Sonne herum. Fast alle die nicht mit zum Ausflug gegangen waren, waren zur Sandbank herüber gekommen. Nachts war es aufgrund einer Geburtstagsfeier eines Tschechoslowaken sehr laut und es dauerte lange bis ich einschlief.

15. August 1989, Lom

Wir setzten die Boote, am nächsten Morgen, nicht an der dafür vorgesehenen Stelle ein, sondern suchten uns einen Platz, an dem nicht so viel Gedränge herrschte. Es ging dann mit flotter Fahrt in Richtung Lom. Wir machten allerdings unterwegs zwei Badepausen da es sehr heiß war. Auf einer Sandbank unterwegs entdeckten wir Pelikane, ich war erstaunt darüber hier diesen Vögeln zu begegnen, denn wir waren doch ein ganzes Stück vom Donaudelta, dem Lebensraum dieser Vögel, entfernt. In Lom kam ich mit einem Kanuten namens Gerhard aus der DDR ins Gespräch, der meine Karten vom Donauverlauf begutachtete. Im Laufe der Unterhaltung kam heraus, dass er sich am Bodensee sehr gut auskannte. Helmut kam dazu und sie begannen über die DDR zu reden. Ich achtete nicht weiter auf die Beiden da ich in meinem Boot Ordnung schaffen wollte. Plötzlich jedoch hörte ich die zwei lachen und sah wie sie sich freudig die Hände schüttelten. Sie hatten während ihres Gesprächs auf einmal festgestellt, dass sie sich schon bei einem DDR Besuch Helmuts kennengelernt hatten. Zum Abendessen gab es wieder einmal Suppe für alle. DOCU0188Gerhard und seine Frau Christine saßen am Abend lange bei uns. Wir hatten am Ufer ein Lagerfeuer errichtet und machten es uns bei Rotwein und Mundharmonikaklängen gemütlich. Hilde, Anne und ich bauten für diese Nacht keine Zelte auf. Peter hatte seines zwar aufgestellt, schlief aber trotzdem auch im Freien.

16. August 1989, Kozloduj

Der nächste Tag brachte uns nach Kozloduj. Wir erreichten den Zeltplatz aber spät, da wir von elf bis drei Uhr auf einer Sandbank gelegen hatten. Es begrüßten uns ein paar bulgarische Mädchen die uns Brot und Salz reichten. Im TID Lager gab es wieder allerlei Stände. Wir kauften uns Erdbeeren und Joghurt. Der Bulgarische Joghurt war hervorragend. Es heißt also nicht von ungefähr „Land des Joghurts“ Wir lagerten wieder am Strand, ohne die Zelte aufzubauen. Die laute Musik, die von einer Art Stranddisco herrührte, vermischt mit der Begleitmusik der Folklorevorführungen nervte uns. Aber wir konnten nichts dagegen machen und mussten den Krach über uns ergehen lassen.

17. August 1989, Ostrov

Um Acht ging es Tags darauf wieder zur Sache. Gegen elf machten wir an einem kleinen Sandstrand Pause. Beim Herumstreifen in der Umgebung entdeckte ich einen Zwetschgenbaum, der selbstverständlich von uns geplündert wurde. Meine Faltschüssel war randvoll. Ich packte sie hinter die Sitzluke zum Bootswagen. Meine Sandalen, die eigentlich an diesen Platz gehört hätten, ließ ich im Zustand geistiger Umnachtung am Strand stehen. Das merkte ich allerdings erst, als ich sie am Abend in Ostrov anziehen wollte. Ich hatte glücklicherweise noch meine Turnschuhe dabei und außerdem lief ich sowieso meistens barfuß herum. Anne und ich gingen abseits des eigentlichen Zeltplatzes an Land, etwas abgetrennt durch einen kleinen Bach, weil uns der Rasen an dieser Stelle besser gefiel. Der Rest lagerte in Rufweite auf der anderen Seite des Baches. Wir waren der Meinung, wir könnten einfach durchs Wasser waten, um zu den anderen zu gelangen. Aber das war ein Trugschluss. Der Bach war so tief und so verschlammt, dass wir den Versuch, hinüber zu kommen, bald aufgaben. Über den Umweg am Bach entlang, den man etwas weiter hinten gut überqueren konnte erreichten wir aber trotzdem das offizielle TID Gelände. Der Vorteil dieses Umweges war es, dass wir einen sehr ruhigen Platz hatten. Neil und Simon gesellten sich zu uns und wir saßen am Abend mit ihnen zusammen und plauderten.

18. August 1989, Bajkal

Am nächsten Tag hatten wir nur ein kurzes Stück bis Bajkal, das wir ohne Pause zurück legten. Unsere Zelte standen direkt am Wasser. Der Zeltplatz erinnerte irgendwie an eine Baustelle und wir hatten keine Lust den folgenden Ruhetag hier zu verbringen. Für den Nachmittag war ein Fototermin angesetzt worden, für all diejenigen die von Ingolstadt aus gestartet und immer noch dabei waren. DOCU0227Zuvor machten Anne und ich aber noch eine kleine Wanderung in die Umgebung des Dorfes. Wir kamen durch einen Kiefernwald bald auf einen Höhenzug, der an seiner Rückseite in eine steile Schlucht abfiel. Wir schlenderten eine Weile durch die Wiesen am Rande des Abbruches ohne jedoch eine Abstiegsmöglichkeit zu finden. Wieder zurück, stachelten wir Peter und Hilde zu einem allgemeinen Eskimotieren an. Auf das Abendessen mussten wir sehr lange warten. Zur üblichen Suppe gab es gebratene Maiskolben und für jeden eine Melone. Wir hatten enorme Probleme die Melonen, die wir nicht aßen in unseren Booten zu verstauen. Nach dem Essen meldete ich uns bei Herbert, unserem Fahrtenleiter, ab. Wir hatten beschlossen am nächsten Morgen schon weiter nach Belene zu paddeln um dort den Ruhetag zu verbringen.

19. August 1989, Belene

Um sieben Uhr waren wir auf dem Wasser. Mit 65 km hatten wir eine relativ lange Strecke. Genau bei km 600 machten wir Mittagspause und gegen 16 Uhr erreichten wir Belene. Auf der anderen Seite des Flusses sahen wir den ersten Teil der Mauern einer riesigen Kraftwerksanlage, die von den Rumänen gebaut wird. Dieser Bau schien mir aber wenig sinnvoll, denn wegen einer Höhe von sieben Metern soll die Donau bis nach Vidin hinauf aufgestaut werden. Die Energiegewinnung aus diesem geplanten Kraftwerk wird gering sein, so dass Rumänien weitere solche unsinnigen Bauten planen wird. Aber die wirtschaftlich schlechte Lage erlaubt es Rumänien nicht, Geld in die Erforschung neuer Energietechnologien zu investieren. Der Zeltplatz lag kurz vor einer Insel. Man durfte weder die Insel betreten noch durfte man in den Seitenarm bei der Insel fahren. Der Grund hierfür war, dass es die Gefängnisinsel Bulgariens war. Das Gelände des Zeltplatzes sah nur unwesentlich besser aus als das in Bajkal. Nicki erzählte uns er sei mit Bobby vor einigen Monaten hier gewesen. Damals hätte der Platz noch ganz anderst ausgesehen. Die Wiese, die unter den Bäumen war, hatte man ein paar Tage vor unserer Ankunft umgegraben und planiert. So zelteten wir auf dem blanken Dreck. Bobby war ein lustiger Kerl. Sein Boot hieß Milka und war lila. Bei jeder Gelegenheit muhte er uns etwas vor. Er hatte sein Zelt ganz in unserer Nähe aufgebaut und wir alberten dauernd herum. Am Nachmittag überreichten er, Nicki und Chris uns eine Urkunde, die uns bescheinigte, die bulgarische Trasse der TID trotz des guten Wetters und der fortdauernden Feste gut überstanden zu haben.

20. August 1989, Belene

Am folgenden Ruhetag zog Wilm zusammen mit Walter weiter, den Beiden gefiel auch dieser Platz nicht und sie wollten irgendwo wild zelten. Wir aber blieben noch und faulenzten den ganzen Tag herum. Eine kleine magere Katze schlich dauernd um unsere Zelte herum, um irgendwas Fressbares zu finden. Wir mussten auf alles aufpassen was wir herumliegen hatten, denn vor ihr war nichts sicher. Im Laufe des Tages trafen auch alle anderen Teilnehmer, die den Ruhetag in Bajkal gemacht hatten, hier in Belene ein.

21. August 1989, Svistov

DOCU0203Am nächsten Tag erreichten wir Svistov, den südlichsten Punkt der Donau. Am Mittag machten Anne und ich uns auf den ca. 4 km langen Weg nach Svistov hinein. Wir wollten Briefmarken, Schafskäse und Joghurt besorgen. Wir klapperten sämtliche Supermärkte der Stadt ab bis wir das hatten was wir wollten. Laufend kamen wir an Eisständen vorbei und wir konnten es uns nie verkneifen uns noch eines zu kaufen. Wir fanden auch die Dosen mit der eigenartigen Süßspeise die uns Ljubo schon angeboten hatte und deckten uns gleich damit ein. Nach dem wir dann wieder zurück zum Zeltplatz gelaufen waren, vorbei an Schrebergärten voller Paprika, Weintrauben und Tomaten, machten wir es uns bei unserem üblichen Nachmittagstee gemütlich.

22. August 1989, Russe

Im Laufe des nächsten Vormittages zerrte sich unsere Gruppe so auseinander, dass nur noch das dreiblättrige Kleeblatt von Ingolstadt übrig blieb. Also Anne, Peter und ich. Bei km 528 machten wir drei auf einer Sandbank Pause. Es ging anschließend flott weiter bis kurz vor den Zeltplatz bei Russe. Dort trafen wir Gerhard und Christine. Wir machten erneut eine Badepause. Die Sandbank auf der wir waren zog sich eigenartigerweise nicht wie die anderen weit im Wasser dahin, sondern hatte unter Wasser eine steile Böschung. Dies verleitete uns natürlich dazu Kopfsprünge noch und noch zu machen. Als wir genug herumgeplanscht hatten, überlegten wir uns welches der kürzere Weg nach Russe sei. Anhand unserer Karte beschlossen wir nicht den Seitenarm zu fahren und lagen mit unserer Entscheidung natürlich genau falsch. Nach ungefähr einem Kilometer Umweg erreichten wir dann Russe. Helmut, Werner und Hilde hatten uns Plätze freigehalten. Der Zeltplatz lag oberhalb einer sehr unwegsamen Böschung und erstreckte sich auf enorme Länge. Die Duschen liefen recht sparsam aber als die Tankwagen mit Frischwasser kamen, war genug da für alle. Am Abend leisteten wir uns den Luxus noch einmal zusammen Essen zu gehen. Ich aß Fisch. Wir bestellten eine Flasche Wein und irgendwie muss der Ober unsere Zeichensprache missverstanden haben, denn er brachte uns eine riesige Flasche in der bestimmt eineinhalb oder zwei Liter waren. Aber wir wurden mit ihr fertig und mit der Zweiten die wir bestellten auch. Ziemlich ausgelassen kehrten wir zu unseren Zelten zurück und feierten dort noch eine Weile weiter.

23. August 1989, Russe

Der nächste Ruhetag sollte auch der letzte sein auf unserer langen Reise. Das Ziel kam immer näher und das gefiel uns gar nicht. Wilm wollte von hier aus in zwei Tagen bis nach Silistra paddeln er hatte nur noch vier Tage Zeit und brauchte noch zwei Tage für seine Rückreise. Wir nutzten die Gelegenheit kostenlos in die Stadt fahren zu können und beteiligten uns an der Stadtrundfahrt. Nachdem wir beim Fernsehturm über die Errungenschaften des Sozialismus aufgeklärt worden waren, setzten wir uns im Stadtzentrum von der Meute ab. Wir suchten eigentlich ein paar Mitgebringsel, aber außer Briefmarken und Postkarten fanden wir nichts, was sich zu kaufen gelohnt hätte. Um zum Zeltplatz zurück zu kommen, mussten wir die öffentlichen Verkehrsmittel in Anspruch nehmen. Nachdem wir uns einigermaßen sicher waren dass wir an der richtigen Haltestelle warteten, dachten wir darüber nach wie wir an Busfahrkarten kommen sollten. Nicki hatte uns gesagt wir könnten sie beim Busfahrer kaufen. Als der Bus dann endlich kam, sagte der Busfahrer „Njema Ticket“. Er hatte keine mehr. Da uns diese Auskunft nichts nutzte um zum Zeltplatz zu gelangen, fuhren wir schwarz, was auch ging. Den Nachmittag verbrachten wir mit Kentertraining und Kaffee trinken. Auf einmal sahen wir Rheinhardt mit einem Gipsbein ankommen. Er war in der vergangenen Nacht gestolpert und in eine Glasscherbe gefallen. Er musste genäht werden und das Bein wurde ruhig gestellt. Für ihn war die Fahrt zu Ende, dabei wollte er doch bis ins Delta. Die letzten Tage bis Silistra fuhr er auf der Barka, dem bulgarischen Begleitboot mit.

24. August 1989, Rjahovo

Es war die letzten Tage sehr heiß gewesen und so störte es uns kaum als es am nächsten Tag anfing zu regnen. Als wir von Russe abfuhren, sah ich am Ufer Walter an seinem Zweierfaltboot arbeiten, ihm waren am Vortag in der Hitze die Nähte seiner Kenterschläuche geplatzt und er war jetzt dabei den Schaden zu beheben. DOCU0201Wir paddelten zügig bis Rjahovo durch und als wir ankamen, hörte der Regen auch schon wieder auf. Wir wurden von einer Art Dorfsergant, in einer alten Uniform, jeder per Handschlag begrüßt. Rjahovo war ein kleines verschlafenes Dorf. Den Einwohnern schien unsere Ankunft als Ablenkung gerade wie gerufen zu kommen, denn sie versammelten sich um dem Treiben auf dem Zeltplatz beizuwohnen. Aber sie trauten sich nicht nahe heran, sondern beobachteten uns aus einiger Entfernung. Ich war mit Peter losgezogen um einen Briefkasten zu suchen. Bei dieser Gelegenheit schauten wir uns das ganze Dorf an. Der Spaziergang durch die staubigen Straßen gefiel mir wesentlich besser als die vielen Stadtrundfahrten die wir schon gemacht hatten. Wir entdeckten eine Kirche, die sehr seltsam aussah. Sie hatte zwei Glockentürme aus Blech, die aber nicht nebeneinander, sondern hintereinander auf dem Dach der Kirche saßen und auch verschieden groß waren. Ich verschwand an diesem Tag bald in meinem Zelt da ich den ganzen Tag starke Halsschmerzen gehabt hatte. Nicki hatte uns geraten den Zeltplatz in Tutrakan nicht anzulaufen, sondern gleich bis Popina zu paddeln. Das taten wir auch.

25. August 1989, Popina

Auf dieser 63 km langen Strecke machten wir zweimal Badepause und erreichten am Nachmittag Popina. Wir lagerten auf dem Platz, auf dem am nächsten Abend ein riesiges Feuer entzündet werden sollte, aber zu diesem Zeitpunkt wollten wir schon in Silistra sein. Es waren außer uns, Nicki, Bobby und Chris auch noch ein paar andere hier, so dass wir ca. 20 Leute waren. DOCU0213Am Abend saßen wir in großer Runde zusammen und Nicki erzählte uns von der Zeit als er zum ersten Mal auf der TID war. Das war vor zehn Jahren und Helmut war damals Fahrtenleiter. Bobby brachte einen Melonen-Cocktail den er in der Melone selbst servierte, als diese leer war schnitzte er ein Gesicht hinein und wir hatten eine Melonengeistlaterne, die unsere nächtliche Runde bewachte.

26. August 1989, Silistra

DOCU0215Letzte Etappe. Es war ein herrlicher Morgen und die Sonne war gerade aufgegangen als wir losfuhren. Ich paddelte ziemlich in Gedanken, an die zurück liegenden Wochen, versunken vor mich hin, bis ich merkte, dass ich ganz alleine war. Ich ließ mich noch eine Weile treiben um mir die Zeit auf der Donau noch etwas zu verlängern. Von Anfang Juni bis Ende August, also einen ganzen Sommer hatte ich auf dem Strom verbracht. Der Gedanke, dass diese interessante und erlebnisreiche Zeit jetzt zu Ende gehen sollte, machte mich traurig. Ich beneidete diejenigen die ihre Fahrt noch bis ins Donaudelta fortsetzen würden. Aber Anne, Peter und ich hatten schon beschlossen in drei Jahren wieder zu kommen und dann auch ins Delta zu paddeln. Es half aber alles nichts, um halb Elf war ich in Silistra. Ich war etwas enttäuscht von meiner Ankunft, denn es war überhaupt nichts los. Das lag aber daran, dass wir ja einen Tag früher angekommen waren als eigentlich vorgesehen. Helmut und Werner waren schon da als ich ankam. Gemeinsam schleppten wir die Boote die steile Treppe hinauf und suchten uns einen geeigneten Platz, auf dem Gelände des Sportzentrums. Anne, Hilde und Peter kamen nach und nach auch an. Ich fing bald damit an mein Boot abzubauen und den Teil meines Gepäcks zu verstauen, den ich nicht mehr brauchte. Auf einmal stand Walter vor mir und erzählte mir stolz, er sei gestern vom Chef des Tourismusverbandes als erster Teilnehmer der TID in Silistra begrüßt worden. Auf den zu diesem Zeitpunkt noch geschlossenen Zeltplatz, hatte er ihn allerdings nicht gelassen. Er war nachdem er in Russe sein Boot repariert hatte, von dort aus gleich bis Popina gepaddelt. Eine Strecke von 92 km, nicht zu verachten allein in einem Aerius Zweier. Von Popina aus hatte er dann einen Tag vor uns Silistra erreicht. So war Walter auf den öffentlichen Campingplatz gezogen wo er sich einen kleinen Bungalow gemietet hatte. Alleine gefiel es ihm dort aber nicht und er baute sein Zelt in unserer Nähe auf. Wir machten darüber natürlich gleich unsere Witze, denn wer hat schon zwei Tage nach seiner Ankunft eine Zweitwohnung in Silistra. Aber da er ja, im Gegenteil zu uns offiziell begrüßt worden war, gehörte er ja mehr oder weniger zur Prominenz. Am Tag darauf traf der Rest der Teilnehmer ein, die nicht wie wir einen Tag voraus gepaddelt waren. Der Zeltplatz war sehr klein und so reisten die meisten bulgarischen Teilnehmer gleich nach ihrer Ankunft ab. Aber Bobby, Nicki und Chris zelteten ganz in unserer Nähe. Wenn ich nicht gerade faulenzte oder Eis holen, ging blödelte ich mit Bobby herum. Am Abend war dann die große Abschlussfeier und wir hörten uns die Funktionärsreden an. Zum Schluss wurden alle Teilnehmer, die von Ingolstadt nach Silistra gepaddelt waren aufgerufen. Wir mussten uns nach Erhalt einer Urkunde in einer Reihe aufstellen und wurden dann beklatscht. Mich hat diese Zeremonie ziemlich genervt, denn sie passte in ihrer Art nicht zu der TID. Anschließend gab es die Leistungen einer Volkstanzgruppe zu bewundern, die besonders in der Länge der Tänze lag. Nach dieser Vorführung kam der wichtigste Programmpunkt für TIDler, das Essen. Als um zwölf Uhr Nachts die ersten Busse Richtung Frankenthal abfuhren, fiel allen der Abschied schwer. Die lange Zeit der gemeinsamen Fahrt hatte aus uns so etwas wie eine große Familie werden lassen. Man verabschiedete sich mit dem altbekannten Gruß: „Nie wieder TID! Aufwiedersehen im nächsten Jahr“. Auch für das dreiblättrige Kleeblatt von Ingolstadt hieß es Abschied nehmen, aber nur für kurze Zeit, denn Anne, Peter und ich hatten bereits verabredet im September zusammen auf die Nordsee zu gehen. Nicki begleitete die Busse bis zur Grenze um, bei eventuellen Komplikationen zur Stelle zu sein.

27. August 1989

Am nächsten Morgen war auch für uns andere, die wir nicht mit den Bussen zurück fuhren, der Tag der Abreise gekommen. Wir waren ca. zwanzig Leute, die gegen Acht Uhr von einem städtischen Bus abgeholt wurden. Unser Gepäck hatten wir vorher auf einen Lastwagen geladen und jetzt wurden wir zum Flugplatz der Stadt Silistra gebracht. Nicki hatte uns die Tickets besorgt. Für sage und schreibe 27 Leva flogen wir von Silistra nach Sofia und wir konnten sogar unser ganzes Gepäck ohne Aufpreis mitnehmen. Bei mir waren das immerhin rund 60 Kg. Mit uns flogen auch Lazlo Balogh, der Präsident der TID 1989 und seine Frau Maria sowie Kanuten aus Celle und Wiesbaden. Das zweimotorige Flugzeug war fast ausschließlich von TID’lern besetzt. In Sofia standen am Flughafen, dank der Organisation von Nickis Bruder, zehn Taxis bereit die uns zum Bahnhof auf der anderen Seite der Stadt brachten. Wir waren sehr in Zeitdruck, denn zwischen Ankunft des Flugzeuges und Abfahrt des Zuges lag nur eine knappe Stunde. Nach einer Taxifahrt die ohne weiteres in einen amerikanischen Actionfilm gepasst hätte, erreichten wir dann den Zug, keine fünf Minuten vor seiner Abfahrt. Ich habe auf der ganzen TID kein einziges mal so viel geschuftet wie beim Beladen des Zuges. Die abgebauten Faltboote sowie das ganze übrige Gepäck von zwanzig Paddlern war in weniger als zwei Minuten im inneren des Zuges. Wie es allerdings in den Gängen des Wagons aussah, den wir gekapert hatten, möchte ich an dieser Stelle verschweigen. Im Zug traf ich auf Martin, der in Russe die Fahrt überraschend abgebrochen hatte um mit neu gewonnenen, bulgarischen Freunden in den Urlaub zu fahren. In Dimitrovgrad der Grenzstadt zu Jugoslawien hatten wir kurze Zeit Aufenthalt, als plötzlich Nicki vor unserem Abteilfenster auftauchte. Er war auf dem Rückweg nach Sofia nach dem er die beiden Busse gut zur Grenze gebracht hatte. Er freute sich, dass wir alle den Zug in Sofia erreicht hatten und ich freute mich sehr ihn noch einmal wieder zu sehen. Die Heimreise dauerte insgesamt 36 Stunden. Unterwegs durch Jugoslawien standen Martin und ich lange am offenen Fenster und genossen den kühlenden Fahrtwind. Wir hatten noch einen ziemlichen Streit mit einem der Schaffner, der uns für unser vieles Gepäck einen Aufpreis abknöpfen wollte. Wir waren uns einig nicht zu zahlen und als wir ihm zum Schluss mit der deutschen Botschaft in Belgrad drohten, zog er endgültig ab. Wahrscheinlich hatte er nur versucht seine schlechte Entlohnung durch ein kleines Nebengeschäft aufzubessern. Sein Kollege der in Belgrad seine Schicht übernahm ließ uns jedenfalls in Ruhe.

28. August 1989

DOCU0230Morgens um zwanzig vor Neun lief der Zug in Schwarzach St. Veit ein. Helmut, Werner und ich mussten hier umsteigen. Nachdem uns die anderen, die weiter nach München fuhren, unser Gepäck zum Fenster raus gegeben hatten, begaben wir uns erst einmal zum Frühstück in die Bahnhofsgaststätte.
Die Fahrt ging dann, ohne weiter nennenswerte Unterbrechungen, über Innsbruck, Buchs und Rorschach nach Kreuzlingen. Am Abend des 28. Augusts traf ich nach genau 80 Tagen und 2310 Paddelkilometern zu Hause in Konstanz ein.

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