Ticino inferiore

Am nächsten Morgen, raus aus dem Schlafsack, rein in die eingefrorenen Stiefel und erst mal Feuer machen. Treibholz liegt ja genug rum. Gegen acht ist es zwar hell, aber dafür ist der Nebel noch dichter als gestern. Zwei einhalb Stunden später sind wir wieder auf dem Wasser.
Heute gilt es zahlreichen Baumleichen im Fluss auszuweichen. Währen der Mittagspause auf einer Flussinsel scheint die Sonne, doch kaum sind wir wieder unterwegs ist sie im Nebel verschwunden. Es dämmert schon als wir nach Pavia einen geeigneten Übernachtungsplatz finden. Im Dunkeln Holzsuchen, Zelt aufstellen, Kochen … an diesem Abend haben wir ein großes Feuer und halten es ein Wenig länger aus.

Ticino Inferiore

Das Thermometer am Auto zeigt 2,5° unter Null – geht ja noch. Draussen wird es langsam hell. Arturo, Paul, Peter und Alex sind auch schon auf den Beinen. Gestern Abend war es spät geworden, erst die Anreise durch den Gotthard bzw. den San Bernadino und dann noch die Autos verstellen, zum Ziel unserer Reise, der Mündung des Ticinos in den Po.
Um 10.20 ist alles verpackt und eingeladen. Wir setzten die Boote bei Turbigo ein. Die Sonne scheint, flott ist er der Ticino. Gleich kurz nach dem Start ein Highlight, ein Biber quert den Fluss, keine 50 m vor uns. Klick, Klick, Klick schon ist er verschwunden. Langsam verschwindet auch die Landschaft um uns herum. Nebel hüllt uns ein, das andere Ufer ist oft kaum noch zu erkennen. Wir bleiben dicht beieinander. Es hat schon fast etwas gespenstisches auf einem Fluss zu fahren, den man nicht kennt und kaum drei Bootslängen weit sehen zu kann. Wir fahren mit allen Sinnen, wir folgen dem Stromzug, wir beobachten die Wassertiefe, die

zunehmende Geschwindigkeit, wir achten auf jedes Geräusch. Jedes Rauschen vor uns macht uns ein Bisschen nervös. Zwei gefährliche Stellen soll es geben, eine ist bald erreicht. Der Ganze Bach verschwindet in Betonröhren mit etwa einem Meter Durchmesser, diese sind ca. 15 m lang, und über den ganzen Fluss verteilt. Es ist eine Behelfsbrücke für eine Baustelle. Nach einer kurzen Besichtigung, Erleichterung, wir müssen nicht umtragen. Die sechste Röhre von links macht uns den besten Eindruck, sauber anfahren, Paddel und Ohren anlegen und – durch. Am Ende der Röhre eine kleine Stufe, aber kein Wasser im Boot. Das wichtigste bei diesen Temperaturen, nicht nass werden. Die Zweite Gefahrenstelle ein Wehr unter einer Brücke, Peter und Alex wollen es fahren. Alex im Faltkanadier mit Spritzdecke und Peter im Zweiercanadier ohne Arturo vorne drin. Paul und ich treideln unsere Holzkanadier. Bald danach schlagen wir unser Biwak auf einer Kiesbank auf. Zeltaufstellen, Feuerholz sammeln, kochen, essen, noch ein paar Minuten am Feuersitzen, dann ist der Tag zu Ende und jeder verkriecht sich im Schlafsack.

Neues Boot

Fünf Tage im August 2005

Ich machte mich auf den Weg, quer durch die Republik, um mir in Potsdam ein Kanu zu bauen.
Wieso das?
Ein Kanu kann man doch überall bauen? Stimmt. Aber in Potsdam gibt es eine kleine Holz-Canvas-Kanu Manufaktur.
Ich habe schon seit ein paar Jahren ein solches Kanu für die ganze Familie, aber jetzt wollte ich noch ein kleines handliches Boot für mich alleine. Und noch dazu wollte ich es selbst bauen.
André, einer der beiden Bootbauer, sagte das bekommt ihr nie hin, in fünf Tagen.
Sein Bruder Micha hielt dagegen.

Micha hatte aber auch wirklich schon viel vorbereitet, als ich ankam.
Die Spanten und Planken waren schon gesägt und auch einer der Steven war schon gebogen. Das deswegen, weil am Tag zuvor ein lokaler Fernsehsender einen kleinen Bericht über HolzStoff gemacht hatte. Ein Teil meines neuen Bootes war also schon im Fernsehen.

Aber dann ging es los. Ich hatte ja schon einige Boote gebaut, aber das übertraf alles.
Wir arbeiteten zu zweit von morgens neun bis abends um sechs und machten auch eine ordentliche Pause am Mittag. Es kam zu keiner Zeit Hektik oder Stress auf, ja es war fast schon meditativ wie wir arbeiteten. …

Am ersten Tag galt es die Spanten über die Form zu biegen. Dazu muss erklärt werden, das Boot wird über eine Positivform gebaut. Das Holz wird in eine Kiste, unter der ein Topf mit köchelndem Wasser steht, der so genannte Dämpfkasten, gelegt. Nach kurzer Zeit werden die Spanten heraus genommen und über die Form gebogen und am inneren Süllrandholz, das schon an der Form fixiert ist befestigt. Man arbeitet von der Mitte aus, erst bis zum einen Ende, dann zum anderen.

Am späten Nachmittag waren alle Spanten gebogen und wir kamen sogar noch dazu die ersten beiden Planken auf zunageln. Die Planken sind ca. 10 cm breit und ca. 6mm stark. Sie werden mittels den so genannten Canoetacks, kleinen geschnittenen Nägeln, die man nur in USA und Kanada bekommt durch die Spanten fest genagelt. Ein wichtiges Detail, unter jedem Spant sitzt ein Stahlband auf der Form, auf dem die Tacks umgeknickt werden.

Das Beplanken dauerte den ganzen nächsten Tag an. Gegen Abend konnten wir das Boot bereits von der Form nehmen.

Am dritten Tag wurde es laut.
Die umgeknickten Tacks im Bootsinneren wurden vernietet. Dazu benutzten wir das so genannte Clinshingiron, ein schweres Gusseisenstück das in vielen unterschiedlichen Radien geformt ist, um jede Stelle des Bootskörpers gut zu erreichen und einen Niethammer. Das rohe Boot wurde dann geschliffen und war dann bereit bespannt zu werden.
Die Bespannung besteht aus einem schweren Canvasstoff. Dieser wird doppelt gelegt und mit der offenen Seite nach oben aufgespannt, so dass das Boot wie in eine Hängematte hineingelegt werden kann. Dann wird der Stoff am oberen Rand der Beplankung angenagelt.
Das Vernieten und Bespannen nahm den dritten Tag in Anspruch.

Der vierte Tag begann mit Rühren.

Das Canvastuch muss ja irgend wie dicht werden. Das geschieht durch die Imprägnierung mit einem „Füller“, einem Gemisch aus Leinöl, Quarzsand und sonst noch ein paar Zutaten die die Kanubauer gerne für sich behalten. Jeder Kanubauer hat das ein eigenes Rezept um ein möglichst stabiles, abriebfestes und haltbares Produkt zu erzielen. Dieser Füller wurde dann von uns in das Canvasgewebe eingerieben. Der Rest des Tages blieb dann noch Zeit für das Zusägen und Montieren des äußeren Süllrandes. Eigentlich war das Boot jetzt fertig.

Den fünften Tag verbrachte ich mit dem Anfertigen der Quer und Sitzhölzer.

Da der Füller noch ziemlich feucht war und ich das Boot noch nicht verpacken konnte, lieh ich mir für den sechsten Tag von André ein Boot und machte mich auf den Weg, auf dem Griebnitzsee, der Havel, vor bei an der Pfaueninsel, durch den Großen und den Kleinen Wannsee, rund um den Berliner Forst zu paddeln.

Tags darauf war das Boot verpackt, aufs Auto geladen und ich wieder unterwegs Richtung Bodensee.

Fünf Wochen später hatte ich das Boot noch mal geschliffen, mit Ölfarbe gestrichen und als Unterwasserschutz einen Schellackanstrich angebracht.
Das neue Boot hat den Namen Juni bekommen.