Entwicklung der „Wood and Canvas Canoes“

Als perfektes Fahrzeug für die lautlose Jagd entwickelten die Waldlandindianer Nordamerikas das Birkenrindenkanu.
Als sich weiße Pelzjäger in die unwegsame Wildnis des amerikanischen Nordostens aufmachten, nutzten sie dasselbe Fahrzeug, um große Lasten sicher zu transportieren. Hindernisse stellten nicht nur die unzähligen Stromschnellen dar. Um von einem Seensystem zum anderen zu gelangen, mußte das Kanu manchmal sogar durch Wälder gezogen werden.
Sicherheit – Ladefähigkeit – Verläßlichkeit, diese Eigenschaften schätzen Paddler auch heute.

Ursprünglich wurde das Kanu von außen nach innen gebaut. Mit Hilfe eines Rahmens, der der späteren Bootsform entsprach spannte man ein breites Stück Birkenrinde auf. Danach wurden die Querhölzer, Planken und die gebogenen Spanten auf der Innenseite der Rinde angebracht. Die Rinde wurde mit dünnen Wurzelsträngen vernäht und die Nähte wurden mit Harz abgedichtet. Für ein Boot mußte jedoch eine Birke gefunden werden, deren Stamm einen Durchmesser von mindestens 70 cm hatte und die bis in eine Höhe von 6 Meter astfrei und ohne sonstige Schäden war.
Im Laufe der Zeit wurde es jedoch immer schwieriger, geeignete Birken zu finden. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Kanus als Transportmitteln; Weiße drangen immer weiter in die Seengebiete im Nordosten Amerikas vor um zu jagen, zu handeln oder das Land zu vermessen.
Da die Ressourcen schwanden, war es nur eine Frage der Zeit, bis neue Bauweisen und andere Materialien genutzt wurden.

In New York und Pennsylvania, aber auch in Ontario/Kanada begannen Handwerker ab etwa 1860 damit, Leistenkanus oder Kanus in Klinkerbauweise zu entwickeln. Dabei wurden Techniken verwendet, die aus Europa übernommen wurden. Viele dieser Kanus fuhren mit einer Beseglung. Diese Fahrzeuge blieben aufgrund des Preises allerdings dem Bürgertum vorbehalten. 1880 gründete sich die American Canoe Association, in der sich die etablierte Kanu-Elite v.a. New Yorks zusammentat.

In Maine und im Südosten Kanadas entwickelten weiße Bootsbauer zum Ende des 19. Jahrhunderts eine andere Methode: Über einer Skelettform wurde hier von den Spanten ausgehend mit Holz beplankt. Das Kanu wurde danach aber mit einer Leinwand bespannt, die man anschließend imprägnierte. Bevorzugtes Baumaterial war Zedernholz.

Diese Art Kanadier nannte man Wood-and-Canvas Canoe. Anders als in New York erkannten die Kanubauer hier die Notwendigkeit, einfache, robuste und funktionstüchtige Boote für den täglichen Gebrauch herzustellen. Ab diesem Zeitpunkt wurden immer weniger Kanus aus Birkenrinde gebaut.

Die etablierte Kanugemeinschaft wurde recht spät auf diese Neuentwicklung aufmerksam und tat sich schwer, dieser Bauweise Vertrauen zu schenken. Lange noch wurden Wood-and-Canvas Canoes als „rag canoes“, also Lumpenkanus, belächelt. Die Nachfrage nach Wood-and-Canvas Canos jedoch wurde immer größer. Sehr schnell gab es mehr und mehr Kanubauer, die diese Boote in größeren Stückzahlen bauten. Im Jahr 1901 gründete sich die Old Town Canoe Company, einige Jahre später entstand die kanadische Gesellschaft Chestnut Canoe. Das waren in den folgenden Jahrzehnten die bedeutendsten Hersteller von Holzkanus.

Der Höhepunkt der Kanuära war ca. 1920 erreicht, als in Amerika Kanuclubs so populär waren wie heute Golf- oder Tennisclubs. Während des 2. Weltkrieges wurden die Baumaterialien knapp, es wurde immer schwieriger, gute Holzboote zu fertigen. In dieser Zeit entwickelten Flugzeughersteller praktikable Aluminiunkanus, die in großen Stückzahlen hergestellt werden konnten. Sie wahren leicht und billig. In den fünfziger Jahren begann Old Town Canoe mit Fiberglas zu experimentieren und beendete etwa 20 Jahre später mit ihren Plastikbooten die Vormachtstellung der Aluminiumkanus. Materialien wie Polyethylen, Fiberglas oder Kevlar sind inzwischen am bekanntesten.

In Europa gelten heute v.a. die Leistenkanadier als „traditionelle Holzkanadier“. Leistenkanadier werden auch in Deutschland vereinzelt hergestellt. Wood-and-Canvas Canoes haben jedoch bei uns an Bedeutung verloren und sind sehr selten zu finden. Liebhaber besorgen sie sich aus den USA, wo diese Bauweise noch recht verbreitet ist. In Schweden und Großbritanien gibt es vereinzelte Wood/Canvas-Kanubauer. Sie benutzen einheimische Hölzer wie Ulme, Esche und Fichte.

Im Jahre 1979 gründete sich den USA The Wooden Canoe Heritage Association. In diesem Verein sind inzwischen etwa 3000 Mitglieder weltweit organisiert, die an der Weiterführung der Tradition der Holzkanus interessiert sind. Alljährlich steigt die Zahl der Mitglieder, nicht nur aus den USA und Kanada.

Auswahlliteratur
Adney, Edwin Tappan & Chapelle, Howard. 1983. The Bark Canoes and Skin Boats of North America. Smithsonian Institution Press.
Stelmok, Jerry. 1980. Building the Maine Guide Canoe. The Lyon Press.
Stelmok, Jerry & Thurlow, Rollin. 1987. The Wood and Canvas Canoe. Old Bridge Press.